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Jägermeister: von der Essigfabrik in Wolfenbüttel zum Hirsch in 150 Ländern

25. Juli 2026 · Jörg Kalinke · 16 Min. Lesezeit

Eine Essigfabrik in einer niedersächsischen Kleinstadt, ein Jäger, der jahrelang an einer geheimen Rezeptur tüftelte, und ein Hirsch, der heute in über 150 Ländern auf einer grünen Flasche leuchtet. Das ist die Geschichte von Jägermeister, eine Geschichte über eine Familie, über echtes Handwerk und über das wagemutigste Marketing der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Sie beginnt am 23. Juli 1878 und führt über den Trikotskandal von Braunschweig und die Partykeller amerikanischer Colleges bis zu den Rekordzahlen von heute.

Kräuterlikör auf einen BlickMerkmal
RohstoffeKräuter, Blüten, Wurzeln und Früchte als aromatische Basis
VerfahrenAuszug der Zutaten in einem Wasser-Ethanol-Gemisch, häufig mit anschließender Reife im Holzfass
KennzahlenLiköre haben laut EU-Recht mindestens 15 % vol; Jägermeister hat 35 % vol und 56 Zutaten
Herkunftlange deutsche Tradition der Kräuter- und Halbbitterliköre
HandwerkRezepturgeheimnis, geschulte Sensorik, strenge Qualitätsprüfungen

Die Familie: von Wilhelm Mast bis heute

Alles begann mit einem Mann aus dem Harz: Wilhelm Mast, geboren 1846. 1865 kam er nach Wolfenbüttel, arbeitete zunächst als Angestellter, später als Teilhaber, und wagte am 23. Juli 1878 den großen Schritt. Er kaufte das Stammhaus am Großen Zimmerhof 26 mitten in der Innenstadt und gründete dort sein eigenes Unternehmen: eine Essigfabrik mit angeschlossener Weinhandlung.

Essig klingt heute unspektakulär, war damals aber ein kluges Geschäft. Die Konservenbetriebe der Region brauchten ihn, um Obst und Gemüse haltbar zu machen, denn Kühlschränke waren noch nicht verbreitet, und der Bergbau im nahen Harz nahm ebenfalls große Mengen ab. Wilhelm Mast orientierte sich am Bedarf seiner Heimat und legte damit das Fundament für alles, was folgte. Das Stammhaus steht bis heute an derselben Stelle und ist das Gästehaus von Jägermeister.

1912 veränderte eine Erfindung die Lage grundlegend: Die neue chemische Essigsynthese machte die klassische bakterielle Herstellung zu teuer. Das Haus Mast reagierte und verlagerte seinen Schwerpunkt auf die Produktion von Spirituosen und den Handel mit französischen Weinen. Diese Beweglichkeit wurde zum Familienmerkmal.

Dann kam die zweite Generation. Curt Mast, Wilhelms Sohn, geboren 1897, trat als 16-Jähriger in die Firma ein und übernahm sie 1917 vollständig, mit gerade 20 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg. Curt war Kaufmann, Perfektionist und leidenschaftlicher Jäger. 1934 vollendete er die Rezeptur, die alles verändern sollte. 1948 wandelte er das Unternehmen in die W. Mast GmbH um, und 1952 holte er seinen Neffen Günter Mast an Bord, einen Mann mit einer klaren Vision: Aus der Spezialität für Jäger sollte Deutschlands Kräuterlikör Nummer eins werden. 1958 zogen Verwaltung und bald darauf die Produktion in Neubauten an der heutigen Jägermeisterstraße.

Curt Mast starb 1970, und Günter führte das Haus in seine wildesten und lautesten Jahre. 1987 wurde aus der GmbH eine Aktiengesellschaft, 2011 entstand die heutige Mast-Jägermeister SE; SE steht für Societas Europaea, die Rechtsform der europäischen AG. Seit Günter Masts Rückzug 1997 liegt das operative Geschäft in den Händen angestellter Manager; heute führt Vorstandschef Michael Volke das Unternehmen. Sämtliche Aktien gehören weiterhin der Familie, inzwischen in fünfter Generation, ihr Sprecher und Aufsichtsratsvorsitzender ist Florian Rehm. Rund 1000 Menschen arbeiten für das Unternehmen, über 70 Prozent davon in Deutschland, und der Sitz liegt seit 1878 durchgehend in Wolfenbüttel. Eine Weltmarke mit festen Wurzeln: Das ist selten.

Was stand vor dem Jägermeister im Regal?

Bevor der Hirsch die Bühne betrat, war das Haus Mast ein klassischer Gemischtbetrieb seiner Zeit. Zuerst der Essig, das Brot-und-Butter-Geschäft der Gründerjahre, verkauft an Konservenbetriebe und Bergwerke, dazu der Weinhandel, vor allem mit französischen Gewächsen. Nach 1912 rückte die eigene Spirituosenproduktion in den Mittelpunkt, und das Sortiment wuchs kräftig: In den 1920er-Jahren führte das Haus über 20 verschiedene Spirituosen und Weine.

Sammlerchroniken listen darunter mehrere Jamaika-Rum-Verschnitte. Ein Verschnitt ist eine Mischung aus importiertem Originalrum und heimischem Neutralsprit. Dazu kamen Korn aus Weizen mit Fassreife und diverse Liköre. Das war der Normalfall der Branche: breites Regal, viele Etiketten, regionale Kundschaft.

Selbst der Name Jägermeister stand zeitweise auf mehr als dem einen Kräuterlikör. Im Wolfenbütteler Museum stehen bis heute Flaschen wie ein Jägermeister Gin, ein Jägermeister Blue Curaçao und sogar ein Jägermeister Triple Sec, ein klarer Orangenlikör; auch ein Kirschlikör wurde einst angesetzt.

Die Monomarke, für die der Hirsch heute steht, war also das Ergebnis einer Entscheidung, nicht von selbst gewachsen. Günter Mast drehte die Logik der Branche um. Während die Konkurrenz ihr Sortiment immer weiter auffächerte, konzentrierte das Haus alles auf ein einziges Produkt und stellte die Nebenmarken nach und nach ein. Aus der Spezialität für Jäger sollte, so ein späterer Werbespruch, „einer für alle“ werden. Das war riskant, mutig und aus heutiger Sicht visionär.

Was steckt in der grünen Flasche?

Curt Mast war ein Tüftler vor dem Herrn. Überliefert ist, dass er lange an seiner Rezeptur feilte; mal war ihm der Likör zu süß, mal die Zitrusnote zu schwach. 1934 war es so weit: Aus 56 Kräutern, Blüten, Wurzeln und Früchten bei 35 % vol komponierte er einen Kräuterlikör mit ungewöhnlicher Tiefe, 1935 brachte er ihn auf den Markt. Laut Unternehmen ist die Rezeptur seither unverändert und streng geheim. Ob jedes Detail über neun Jahrzehnte identisch blieb, lässt sich von außen nicht prüfen; belegt ist das Rezeptgeheimnis als gehütetes Herzstück des Hauses.

Der Name hat eine eigene Geschichte. Jägermeister war in Wolfenbüttel durch die lange Jagdtradition ein vertrauter Begriff, und das 1934 erlassene Reichsjagdgesetz machte das Wort als Amtsbezeichnung für Jagdfunktionäre reichsweit geläufig. Curt Mast, selbst passionierter Jäger, widmete seinen Likör den Jägern und wählte einen Namen, den sich seine Zielgruppe mühelos merken konnte. Diese zeitgeschichtliche Herkunft gehört zur ehrlichen Einordnung dazu.

Auch das Erscheinungsbild plante Curt Mast mit bemerkenswerter Sorgfalt, lange vor dem Markenstart. Gemeinsam mit einem Grafiker entwickelte er das Etikett mit dem Hubertushirsch. Die Legende dahinter: Dem wilden Jäger Hubertus erschien im Wald ein mächtiger Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen den Geweihstangen. Die Vision wandelte ihn und machte ihn zum Schutzpatron der Jäger. Um das Etikett läuft bis heute der Beginn eines Gedichts des Jagdschriftstellers Oskar von Riesenthal: „Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild, weidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.“

Die Flasche entstand nach handfesten Bruchtests. Gesucht war ein Gebinde, das hochwertig aussieht und den Alltag übersteht. Das Ergebnis kennst du: grün, kantig, unverwechselbar.

Wie der Likör heute entsteht, ist gut dokumentiert:

  • Die botanischen Rohstoffe werden geprüft, gewogen und zu Trockenmischungen zusammengestellt.
  • Mazeration: Die Zutaten liegen wochenlang in einem Wasser-Ethanol-Gemisch, und die ätherischen Öle und Aromen gehen in die Flüssigkeit über.
  • Die Destillateurmeister vereinen mehrere solcher Auszüge zum sogenannten Grundstoff, dem Herzstück des Geschmacks.
  • Der Grundstoff reift rund ein Jahr in rund 400 großen Eichenfässern in Wolfenbüttel.
  • Danach kommen nach festem Rezept Wasser, Ethanol, Zucker und Karamell hinzu, dann wird abgefüllt. Insgesamt durchläuft der Likör 383 Qualitätskontrollen.

Den Grundstoff stellen nur die Werke Wolfenbüttel-Linden und Kamen her. Genau darin liegt einer der Erfolgskerne: Auch wenn der Grundstoff ein Jahr lagert, lässt sich aus ihm schnell ein Vielfaches an fertigem Likör mischen. So kann das Haus auf Nachfrage fast explosionsartig reagieren. Wer bei Kräuterlikör an Zufall denkt, liegt daneben: Das ist Präzisionsarbeit.

Wie wird ein Kräuterlikör cool?

Schon in den 1960ern setzte das Haus auf Bandenwerbung in Fußballstadien, unter anderem bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Der Paukenschlag kam 1973: Jägermeister wurde die erste Marke auf dem Trikot einer deutschen Fußballmannschaft, bei Eintracht Braunschweig. Zunächst prangte dort der Hubertushirsch, wofür Günter Mast dem Verein 100 000 Mark zahlte. Ende 1973 gab der Deutsche Fußball-Bund die Trikotwerbung offiziell frei, und der Schriftzug folgte für weitere 100 000 Mark. Die Republik diskutierte hitzig, und genau diese Empörung war Reichweite pur. 1984 wollte Günter Mast den Verein sogar in SV Jägermeister umbenennen; der Plan blieb ein Plan, sagt aber viel über seinen Ehrgeiz. Parallel fuhren ab den frühen 1970ern die leuchtend orangefarbenen Jägermeister-Rennwagen über internationale Rennstrecken, rollende Werbeflächen mit Kultstatus.

Und dann war da diese Kampagne. Ab Herbst 1973 erklärten in Anzeigen ganz normale Menschen ihre persönlichen Gründe: „Ich trinke Jägermeister, weil …“. Die Düsseldorfer Werbeagentur GGK, konzipiert von Michael Schirner, schaltete jedes Motiv genau ein einziges Mal. Bis 1986 kamen so 3162 Unikate zusammen, jedes einzelne von Günter Mast persönlich freigegeben. Manche Texte kassierten Rügen des Werberats, was die Bekanntheit zusätzlich befeuerte. Mein Lieblingsbeispiel stammt von Günter Mast selbst, Anzeige Nummer 1143: „Ich, Günter Mast, trinke Jägermeister, weil ich hiermit die Jagd auf meinen Nachfolger eröffne.“ Werbung als Dauerhappening, das gab es so in Deutschland vorher nicht.

Amerika: Sidney Frank und der Party-Shot

Die zweite Hälfte dieser Geschichte spielt in Amerika. Mitte der 1970er stieß der Importeur Sidney Frank in New York auf den herben deutschen Kräuterlikör und witterte eine Nische; 1975 unterschrieb er den Vertriebsvertrag für die USA. Der Durchbruch kam über einen kuriosen Umweg: Ein Zeitungsartikel bezeichnete den Likör als „Liquid Valium“, flüssiges Beruhigungsmittel. Das war frei erfunden, aber Frank vervielfältigte den Artikel tausendfach und verteilte ihn in Bars. Die Verkäufe explodierten.

Dann folgte ein berühmter Schachzug: die Jägerettes, Promotion-Teams junger, knapp bekleideter Frauen, die in Colleges eiskalte Shots servierten. Um 2005 waren rund 900 Jägerettes und 300 Jäger Dudes im Einsatz. In den frühen 1990ern erfand Franks Team die Tap Machine, eine Zapfanlage, die den Likör auf −18 °C kühlt und mitten auf dem Tresen steht. Dazu kam massives Sponsoring in der Rock- und Metal-Szene. Aus dem Digestif der Großeltern, dem Verdauungsschnaps nach dem Essen, wurde in den USA der Party-Shot einer ganzen Generation. 2015 übernahm Mast-Jägermeister die Sidney Frank Importing Company und steuert das US-Geschäft seither selbst.

Auch daheim zündete die Verjüngung. Die Marke richtete sich in Deutschland neu aus; 2002 eroberten die sprechenden Hirsche Rudi und Ralf mit dem Slogan „Achtung: Wild“ das Fernsehen, und Festivalformate wie Platzhirsch, Hochsitz und Gigant brachten den Hirsch dorthin, wo im wahrsten Sinne die Musik spielt. Der Kreis schloss sich: Was Sidney Frank in Amerika vorgemacht hatte, kam als Idee zurück nach Wolfenbüttel.

Der Hirsch in der Bar: der Hubertus-Rat

An dieser Stelle wird die Geschichte für mich persönlich, denn dieses Kapitel habe ich als eines der Gründungsmitglieder des Hubertus-Rats selbst miterlebt.

Um 2010 war der Hirsch auf Festivals und in Clubs längst zu Hause, doch die gehobene Bar blieb für die Marke ein weißer Fleck. 2011 änderte sich das mit einem Ansatz von entwaffnender Ehrlichkeit, typisch Mast-Jägermeister. Das Haus ging auf die deutsche Bartenderszene zu, sinngemäß mit den Worten: „Wir haben Geld und wenig Ahnung von der Bar. Ihr habt Ahnung von der Bar, aber wenig Geld. Lasst uns zusammenarbeiten.“ So ehrlich beginnen die wenigsten Partnerschaften, und genau deshalb funktionierte sie.

Woher das Geld kam, gehört zur Wahrheit dazu. Anfang der 2000er war vor allem im Ausland die Jägerbomb explodiert, ein Shot Jägermeister, versenkt in einem Glas Energydrink, und die Absatzkurve schoss steil nach oben. Ein Teil dieser Erlöse floss über den Hubertus-Rat zurück an den Tresen. Der Partydrink der Welt finanzierte die Rückkehr des Likörs in die ernsthafte Barkultur.

Zur Gründungsveranstaltung nach München lud das Unternehmen rund 40 Köpfe der deutschen Barwelt ein: Bartender, Fachautoren und Menschen, die die deutsche Barlandschaft bewegt haben. Zusammengestellt hatte den Kreis der Trend- und Szene-Außendienst von Jägermeister. Ich gehörte zu diesen 40. Schirmherr war und ist Nils Boese, seit Ende der 2000er offizieller Markenbotschafter, gelernter Barmann mit eigener Bar in Hildesheim und heute als Global Brand Ambassador und Bitter-Sommelier weltweit unterwegs.

Das Ziel war konkret und überfällig. Jahrelang hatten deutsche Bartender die Flasche Jägermeister verschämt unter dem Tresen stehen und mixten ihre Shots und Drinks aus der Deckung heraus. In jeder Mitgliedsbar sollte die Flasche wieder sichtbar im Backboard stehen, dem beleuchteten Flaschenregal hinter dem Tresen, das Aushängeschild und Schaufenster jeder Bar ist. „Raus aus dem Versteck, rein ins Backboard“, so lautete der Auftrag in einem Satz.

Wie ernst die Zusammenarbeit gemeint war, zeigte das erste greifbare Projekt. Jägermeister fragte die Runde: Was würdet ihr an euren Gerätschaften besser machen? Die Antwort steht heute in einigen Bars: das Jägermeister-Rührglas. Basis ist ein klassisches japanisches Yarai-Rührglas; Yarai bezeichnet den rautenförmigen Schliff, der für Halt und Optik sorgt. Die Bartender dachten das Werkzeug weiter: Oben verjüngt es sich leicht und hat eine Ausgusslippe, damit das Eis auch bei schnellem Rühren im Glas bleibt. Innen läuft der Boden in einer sanften Rundung aus statt in einer harten Kante, damit das Eis flüssig rotiert. Im Boden grüßt ein dezenter Hirsch. Hier hörte eine Marke der Barszene wirklich zu.

Organisiert war der Rat in Arbeitsgemeinschaften mit jeweils einem Thema: eine zur Kräuterkunde, also der Frage, was in den botanischen Rohstoffen steckt, eine zur Reifung im Fass und eine zu German Tiki, der deutschen Spielart der bunten Südseekultur, aus der sogar ein eigenes Buch für die Mitglieder entstand. Der Kräuterlikör wurde als ernsthafte Zutat neu gelesen, etwa im Count Mast, einer Negroni-Variante aus gleichen Teilen Gin, Jägermeister und süßem Wermut. Zahlreiche Drinks entstanden, German-Tiki-Kreationen ebenso wie neue Klassiker, immer mit dem Kräuterlikör im Mittelpunkt.

Die größte Hürde war die Optik. Die Farbe des Jägermeisters ist so mächtig, dass Drinks im durchsichtigen Glas schnell eine unvorteilhaft bräunlich-trübe Färbung annehmen. Der Rat fand zwei Antworten: blickdichte Gefäße, die Tiki-Keramik lässt grüßen, oder der Spirituose einen Teil von Trübung und Farbe nehmen. Den zweiten Weg ging später der Manifest, der sich im Glas verhält wie ein klassisch gereiftes Produkt, ein Cognac oder ein Whisky, und der Drinkentwicklung damit alle Türen öffnet.

Der Rat gab sich klare Regeln. Die wichtigste: Wer auf die Industrieseite wechselt, arbeitet aus Sicht des Rats für den Mitbewerb und scheidet aus. Genau so endete meine eigene Zeit im Rat, als ich in die Industrie wechselte, kurz vor Erscheinen des Tiki-Buchs, das ich gern noch mitgenommen hätte. Eine Regel, die schmerzt und zugleich Respekt verdient, denn sie hält den Kreis bis heute glaubwürdig.

Der Rat hatte und hat Gewicht im Haus, bis in die Produktentwicklung. Ein frühes Beispiel ist der Jägermeister Winterkräuter von 2013, das erste saisonale Produkt der Firmengeschichte: milder mit 25 % vol und warmen Noten von Vanille und Zimt, international als Spice unterwegs und 2025 als Winter Edition neu aufgelegt. Dr. Berndt Finke, der Kopf hinter den Rezepturen des Hauses, ließ sich dafür vom Austausch im Hubertus-Rat inspirieren; so habe ich es selbst miterlebt. Das Interessante: Diese Varianten verraten die Originalrezeptur nicht, denn verändert hat sich nur die Konzentration einzelner Kräuter, nicht ihre Anzahl. Auch der Winterkräuter hat 56 Zutaten.

Dann der große Wurf: Aus der Mitte des Rats kam der Anstoß zum Jägermeister Manifest, dem Super-Premium-Kräuterlikör des Hauses. Entwickelt haben ihn die Destillateurmeister in Wolfenbüttel; die Mitglieder des Rats begleiteten den Weg und verkosteten das Ergebnis vor dem Start blind, bevor sie wussten, worum es ging. Ein Kreis aus Bartendern als Geburtshelfer eines Produkts, das gab es in der Branche bis dahin selten. Zunächst blieb das ein rein deutsches Projekt, 2016/2017 folgte der internationale Schritt samt neuem Namen: Aus dem Hubertus-Rat wurde der Hubertus Circle, ein weltweites Bartendernetzwerk der Marke.

Jägermeister heute

2025 feierte die Marke ihr 90-jähriges Jubiläum, mit einer Retroflasche im Stil der Anfangsjahre, und die Zahlen dazu:

Kennzahl 2025Wert
Absatz117,6 Millionen Flaschen à 0,7 Liter
Wachstumplus 7,7 Prozent
Umsatz882 Millionen Euro
Märkte150
Auslandsanteil am Absatz85 Prozent

Das in einem Jahr, in dem die großen Spirituosenmärkte weltweit deutlich schrumpfen. Der Hirsch wächst gegen den Trend, und das verlangt eine Erklärung.

Ein Teil der Antwort liegt im Ritual. Der eiskalte Shot bei −18 °C ist längst ein weltweit verstandenes Zeichen, gepflegt auf Festivals, in Clubs und in der Rockmusik, jener Kultur, die Sidney Frank einst anstieß und die das Haus heute selbst pflegt.

Ein zweiter Teil liegt im Produktregal, das sich nach Jahrzehnten der reinen Einmarkenstrategie behutsam öffnet:

  • 2013: Winterkräuter, das erste saisonale Produkt.
  • 2017: Jägermeister Manifest, der erste Kräuterlikör der Super-Premium-Klasse. Ein fünftes Mazerat dazu, 38 % vol, mehr Kräuterbeladung, veredelt mit fassgereiftem Weizendestillat, rund 10 Prozent weniger Zucker und deutlich weniger Karamell, deshalb keine Trübung. Gedacht für den Genuss im Glas statt für die Shot-Reihe, vor dem Start blind verkostet vom Hubertus-Rat.
  • Varianten wie Scharf mit Ingwer oder Cold Brew mit Kaffee erweiterten das Regal zeitweise; Sammlerchroniken führen beide inzwischen als auslaufende Artikel.
  • 2024 in Tschechien und der Slowakei lanciert, 2025 in Deutschland eingeführt: Jägermeister Orange, abgestimmt mit sizilianischen Orangen und mit über fünf Millionen verkauften Flaschen einer der stärksten Spirituosenstarts der letzten Jahre. Für Kenner der Firmengeschichte eine feine Wiederbelebung: Schon vor Jahrzehnten führte das Haus einen Jägermeister Triple Sec. Die Orange kehrt zurück, diesmal auf dem Fundament des Kräuterlikörs.
  • 2023: für Liebhaber eine Rarität mit 26 Jahre gereiftem Mazerat, abgefüllt in 2500 nummerierten Flaschen, so berichten Sammlerquellen.

Die Linie dahinter ist konsequent: Das Regal öffnet sich, doch alles mit dem Hirsch bleibt im Kern ein Kräuterlikör. Ausflüge in fremde Kategorien unter eigenem Namen, wie Gin oder Blue Curaçao, bleiben Museumsstücke. Gin und Tequila laufen bewusst unter eigenen Marken im Portfolio und werden dazugekauft: Seit 2018 gehört der Hamburger Sul dazu, seit 2020 Teremana von Dwayne „The Rock“ Johnson, an dem Jägermeister die Mehrheit hält. Gin hat es im Moment schwer, aber insgesamt ist das die Erweiterung im Boutique-Bereich, die das Haus fährt. Mit der Tochter Best Nights VC investiert das Unternehmen zudem gezielt in Start-ups rund um das Nachtleben.

Auch in die Heimat fließt kräftig Geld: 2025 gingen neue Mazerationsanlagen in Wolfenbüttel in Betrieb, und im April 2026 öffnete in Kamen ein CO2-neutrales Fasslager für 17 Millionen Euro. Die Richtung ist klar: Premium nach oben, international in die Breite, verwurzelt in Wolfenbüttel.

Fazit: Was lernen wir vom Hirsch?

Diese Geschichte begann 1878 mit Essig für Konservenbetriebe und Bergwerke und führt zu einer Marke, die in über 150 Ländern zu Hause ist. Dazwischen liegen drei große Lektionen:

  • Beweglichkeit: Als die Essigsynthese das alte Geschäft verdrängte, erfand sich das Haus neu.
  • Mut zur Konzentration: Günter Mast setzte alles auf eine einzige Rezeptur, während andere ihr Regal füllten.
  • Die Kraft der Geschichte: ein Hirsch, eine Legende, ein Gedicht auf dem Etikett. Dieser Likör erzählt von Anfang an mehr als seinen Geschmack.

Ein vierter Faden zieht sich durch alles: Gemeinschaft. Vom Jägerkreis der Gründerzeit über den Hubertus-Rat bis zur Festivalwiese lebt diese Marke vom Miteinander. Zugleich bleibt die Geschichte vielschichtig. Der Name zeigt die Spuren seiner Entstehungszeit, und die Marketingmethoden vergangener Jahrzehnte verdienen heute einen kritischen Blick, aber sie machten die Marke erfolgreich. Genau dieses Aushalten von Grautönen macht Markengeschichte für mich spannend, und die von Jägermeister ganz besonders.

Quellen

  • Jägermeister, Unsere Story: https://de.jagermeister.com/unsere-story
  • Stadtglanz, Aus Wolfenbüttel in die Welt: https://www.stadtglanz.de/d/aus-wolfenbuettel-in-die-welt-ein-lokaler-familienbetrieb-schreibt-internationale-erfolgsgeschichte
  • Stadtglanz, Mast-Jägermeister: https://www.stadtglanz.de/d/mast-jaegermeister
  • Wikipedia, Mast-Jägermeister: https://de.wikipedia.org/wiki/Mast-J%C3%A4germeister
  • Klartext Verlag, Geschichte der Mast-Jägermeister SE: https://klartext-verlag.de/buecher/fachbuch/geschichte-der-mast-jaegermeister-se/
  • Markenlexikon, Jägermeister: https://www.brandslex.de/markenlexikon/cover/j/markenlexikon-jaegermeister
  • Hochsitz-Cola, Sammlerchronik: https://www.hochsitz-cola.de/ich-trinke-jaegermeister-weil/ und https://www.hochsitz-cola.de/andere-schnaepse-aus-dem-haus-mast-jaegermeister/
  • The Spirits Business, Jägermeister: a brand history: https://www.thespiritsbusiness.com/2017/10/jagermeister-a-brand-history/
  • Designbote, Jägermeister Packaging: https://designbote.com/jaegermeister-packaging-im-neuen-look/
  • Forbes, Nachruf Sidney Frank: https://www.forbes.com/2006/01/11/frank-obit-grey-goose-cz_mm_0111frankobit.html
  • VinePair, Jägermeister und die Bourbon Street: https://vinepair.com/articles/bourbon-street-bar-jagermeister/
  • WirtschaftsWoche, Wie Jägermeister die USA eroberte: https://www.wiwo.de/unternehmen/auslandsstrategie-wie-jaegermeister-die-usa-eroberte/5674318.html
  • Mast-Jägermeister Pressemappe, Herstellung: https://pressemappe.mast-jaegermeister.de/herstellung/
  • Jägermeister Karriere, Werke: https://jobs.jaegermeister.com/werke/
  • Hubertus Circle: https://hubertuscircle.com/
  • about-drinks, Interview Dr. Berndt Finke und Nils Boese zu Manifest: https://www.about-drinks.com/dr-berndt-finke-und-nils-boese-ueber-den-neuen-jaegermeister-manifest/
  • Gastro.News, Manifest-Launch: https://www.gastro.news/magazin/manifest-jaegermeister-praesentiert-weltweit-ersten-kraeuterlikoer-der-superpremium-kategorie/
  • Meininger/fizzz, Interview Nils Boese: https://www.meininger.de/spirituosen/hersteller/bitter-ist-ideal-als-aperitif
  • Spirituosen-Journal, Winterkräuter (2013) und Winter Edition (2025): https://www.spirituosen-journal.de/news-neuer-jaegermeister-winterkraeuter-als-saisonalen-kraeuterlikoer-vorgestellt-16659/ und https://www.spirituosen-journal.de/vanille-und-zimt-jaegermeister-launcht-winter-edition-als-seasonal-159849/
  • Primärquelle: Jörg (DrinkLink), Gründungsmitglied des Hubertus-Rats

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