Es hält sich die Erzählung, ein paar Premiummarken wie Zacapa, Botucal oder Don Papa hätten den Rum groß gemacht. Die Mengen erzählen eine andere Geschichte. Rum ist eine der ältesten Handelsspirituosen der Welt, er hat Flotten versorgt, Handelsrouten geprägt und ganze Volkswirtschaften gestützt, seit über 400 Jahren. Er war eine Weltmacht, als die Gründer der Namen, die heute in jedem Rumvideo fallen, noch nicht geboren waren.
Wie man Rum sieht, hängt am eigenen Einstieg. Ich bin mit dem Rum der 1980er und 1990er groß geworden: Malibu, Captain Morgan, die erste Colamischung auf der Party. Wer jünger ist, hat einen anderen ersten Rum im Kopf: In den 2000ern und 2010ern begegnete diese Generation ihm als Sipping-Erlebnis, pur im Glas. Zacapa, Botucal, Don Papa: lieblich, weich, salonfähig, plötzlich stand Rum im Nosingglas neben dem Whisky. Beide Einstiege sind echt, und beide reichen nur ein Stück zurück. Auch der pure Genuss ist älter als der jüngste Hype: Die alten Häuser hatten längst gereifte Rums zum Purtrinken, nur trockener, kaum gesüßt und weniger bekannt.
Hier folgt die ganze Geschichte, Jahrzehnt für Jahrzehnt, mit dem Blick, der fast immer fehlt: auf die Mengen. Wer hat gebrannt, getrunken und verschifft?
Vor 1920: Wie aus einem Überschuss eine Weltspirituose wurde
Rum entstand im 17. Jahrhundert in der Karibik aus einem Problem, nicht aus einer Feinschmeckeridee. Bei der Zuckerherstellung blieb eine klebrige, dunkle Masse zurück: Melasse. Das Bild vom reinen Abfall greift dabei zu kurz. Melasse wurde verfüttert, an versklavte Menschen auf den Plantagen ausgegeben, zum Kochen und als Heilmittel genutzt. Es fiel nur weit mehr davon an, als man verwenden konnte. Den echten Überschuss entsorgte man teilweise im Meer: Für die 1680er-Jahre ist belegt, dass allein die Franzosen jährlich über anderthalb Millionen Liter Melasse in den Ozean leiteten, weil sich der Transport nach Europa nicht lohnte. Bis jemand merkte, dass sich Melasse vergären und brennen lässt.
Hier beginnt Rum. Im Ursprung ist er vergorene und gebrannte Melasse: Wasser dazu, Hefe, warten, destillieren. Dann kam die Politik. Napoleons Kontinentalsperre schnitt Frankreich vom Welthandel ab, das Land stieg auf heimischen Rübenzucker um, und im Lauf des 19. Jahrhunderts brach die Nachfrage nach karibischem Rohrzucker ein. Den französischen Inseln wie Martinique ging die Melasse aus, das Zuckerrohr aber stand weiter auf den Feldern. Also ließen die Brenner die Zuckerproduktion weg und brannten direkt aus frischem Zuckerrohrsaft. So entstand der Rhum Agricole, aus Not und nicht aus einer Genussidee.
Heute wird Rum auf drei Wegen gewonnen: aus Melasse, aus frischem Zuckerrohrsaft und aus Zwischenerzeugnissen wie eingedicktem Sirup oder Zuckerrohrhonig. Ein enger Verwandter bleibt bewusst außen vor: die brasilianische Cachaça. Sie entsteht aus Saft, ist seit 2001 rechtlich eine eigene Kategorie und kein Rum.
Die früheste schriftliche Erwähnung eines Melassebrands, des berüchtigten Kill-Devil, stammt aus einem Dokument von Barbados aus dem Jahr 1651. Aus Kill-Devil, Tafia und Guildive, so hießen die frühen Brände, wurde irgendwann das Wort Rum. Die Destillate waren rau, hochprozentig und hart, ein Arbeitergetränk, kein Genussmittel. Mount Gay auf Barbados gilt mit einer ersten schriftlichen Erwähnung von 1703 als älteste durchgehend bestehende Rummarke der Welt; das ist die erste belegte Marke, nicht der Moment der Erfindung.
Zur Rumgeschichte gehört untrennbar eine unbequeme Wahrheit: Rum ist mit dem transatlantischen Dreieckshandel verbunden. Zuckerrohr, Melasse und Rum entstanden auf Plantagen, die auf der Versklavung von Menschen beruhten. Rum war Ware, Zahlungsmittel und Teil eines der brutalsten Kapitel der Weltgeschichte. Das gehört genannt, bevor wir über Genuss reden.
Von dort eroberte Rum zwei Welten. In den nordamerikanischen Kolonien war er vor der Amerikanischen Revolution das Lieblingsgetränk schlechthin; man schätzt, dass die Kolonisten pro Kopf mehrere Gallonen im Jahr tranken. Der Sugar Act von 1764, eine Steuer auf Melasse, gehörte zu den Auslösern der Revolution. Als britische Handelssperren die Melasse knapp machten, wandten sich die Amerikaner dem heimischen Getreide zu, der amerikanische Whiskey entstand, und Rum verlor in Nordamerika für über ein Jahrhundert an Boden.
Die zweite Welt war die See. Nach der Eroberung Jamaikas 1655 ersetzte Rum an Bord der Royal Navy das schnell verderbende Bier. Ab 1731 war die tägliche Ration offiziell geregelt, 1740 ließ Admiral Vernon sie mit Wasser zum berühmten Grog verdünnen. Über zwei Jahrhunderte trank die mächtigste Flotte der Welt täglich Rum, eine Mengendimension, die kein Premiummarketing je erreicht hat.
Ab hier laufen zwei Rumwelten nebeneinander. Die eine ist der leichte, spanisch geprägte Stil, den später Kuba und Puerto Rico groß machen: geschmeidig, mild, mengenstark. Die andere ist der kräftige englische Stil zweier Inseln, die man gern übersieht: Barbados, der Geburtsort des Rums, mit runden, ausgewogenen Bränden, und Jamaika mit würzigen, aromastarken Pot-Still-Rums und ihrem berüchtigten Funk. Diese beiden Inseln behalte im Blick, wenn die großen Mengen scheinbar nur um Kuba und Puerto Rico kreisen.
1862 trat in Santiago de Cuba der Mann an, der die Kategorie bis heute prägt: Facundo Bacardí Massó. Er gründete seine Marke, gewann früh Medaillen und lieferte später den Rum für den Cuba Libre. Als das 20. Jahrhundert begann, war Rum längst ein globales Schwergewicht, und weil Zuckerrohr nur in den Tropen wächst, war er immer erst Kolonialware, bevor er Genussmittel wurde. Das erklärt bis heute die geografische Logik der Mengen.
1920er: Die Prohibition macht Havanna reich
1920 legten sich die USA trocken, und die Prohibition wurde für den Rum zum Glücksfall. Während die heimischen Brennereien schlossen, lag 90 Meilen, rund 150 Kilometer, vor Florida eine Insel, auf der alles legal floss: Kuba. Havanna wurde zur Barhauptstadt einer ganzen Nation. Wer es sich leisten konnte, nahm den nächsten Dampfer und trank sich durch das, was daheim verboten war.
Bacardí war der große Star, so groß, dass sein Name zeitweise für die ganze Kategorie stand, und die Familie lockte mit Kampagnen wie „Fly to Cuba and bathe in Bacardí rum“. Daneben stand ein ganzes Feld angesagter kubanischer Häuser: Ron Matusalem, seit 1872 in Santiago, galt als goldener Rum der kubanischen Blütezeit. Die Familie Arechabala brannte seit 1878; ihr Havana Club kam erst 1934. Dazu kamen Namen, die heute vom Markt verschwunden sind. Die Insel war ein ganzer Rumkosmos, keine einzelne Marke.
Berühmt wurde das Ganze über Orte und Gesichter. Bars wie das El Floridita und Sloppy Joe’s zogen Prominenz an; das zweite servierte über 80 Drinks und einen eigenen zwölfjährigen Hausrum. Ernest Hemingway machte den Daiquiri im Floridita unsterblich, und Hollywood trank mit. Die Mary Pickford, benannt nach dem Stummfilmstar, entstand in diesen Jahren in Havanna: Rum, Ananassaft, Grenadine und ein Hauch Maraschino. Angesagt waren Daiquiri, Mojito, Cuba Libre und der Bacardí Cocktail.
Für die Mengen bedeutete das eine Verschiebung: Die US-Produktion lag bei null, aber der Konsum wanderte über die Grenze und aufs Wasser. Schmuggler brachten karibischen Rum an die US-Küsten. Rum war in diesem Jahrzehnt weniger ein amerikanisches Produkt als ein amerikanischer Durst, gestillt aus der Karibik.
Diese Jahre wirken bis heute nach. Nach dem Ende der Prohibition legten die US-Vorschriften fest, dass Bourbon in neuen Eichenfässern reifen muss. Dadurch wurden gebrauchte Bourbonfässer im großen Stil frei, und Rumbrenner weltweit übernahmen sie als Standard-Reifegefäß.
Der deutsche Nebenstrang führt nach Flensburg, in die heimliche Rumhauptstadt Europas. Dort blühte der Rum-Verschnitt: Hochprozentiger, hocharomatischer Jamaika-Brand kam als German Flavoured Rum roh nach Flensburg und wurde mit Neutralsprit und Wasser gestreckt. Der kräftige Rum aus Jamaika steckte damit tief in der deutschen Trinkkultur, als Grundlage für den Grog, lange bevor Bacardí ankam.
Und eine Fußnote aus Hamburg: 1918 gründete dort der Kaufmann Charles George Hosie ein kleines Handelshaus, damals noch mit italienischen Tomatenkonserven. Ausgerechnet dieses Haus wird Jahrzehnte später zum deutschen Tor für Bacardí.
1930er: Tiki und der Daiquiri
1933, direkt nach dem Ende der Prohibition und mitten in der Weltwirtschaftskrise, eröffnete in Hollywood Ernest Gantt seine Bar Don the Beachcomber: Palmen, Treibholz, exotische Rumdrinks. Damit erfand er die Tiki-Bar. Warum Rum? Weil er billig und reichlich verfügbar war; in der Karibik war ein Preisverfall eingetreten. Rum war die günstigste Basis für die aufwendigen, fruchtigen Drinks der neuen Bewegung. Der Daiquiri wurde in diesen Jahren zum Liebling, ein leistbarer kleiner Luxus in einer Zeit, in der die großen Ausgaben wegfielen.
Der US-Markt öffnete sich schlagartig. Bacardí verkaufte im ersten Jahr nach der Prohibition rund eine Million Flaschen in den USA. Dahinter stand ein Doppelschritt: Erstens ein Vertriebsdeal mit Schenley, einem der mächtigsten US-Spirituosenkonzerne, der den Rum flächendeckend ins Land brachte. Zweitens die Steuer: Importierter Rum war mit hohem Zoll belegt, auf US-Gebiet gebrannter nicht. Deshalb eröffnete Bacardí 1936 ein Werk auf Puerto Rico, das zum Staatsgebiet der USA gehört, der Startschuss für den Aufstieg der Insel zur Rumfabrik Amerikas. Auch dort gab es mehr als Bacardí: Die Familie Serrallés, die seit dem 19. Jahrhundert brannte, startete in diesen Jahren die Marke Don Q, bei Einheimischen beliebt, denen Bacardí zu kubanisch war.
Und die Rumproduktion der USA selbst? Der New England Rum, im 18. Jahrhundert fast ein Nationalgetränk, war längst erloschen. Nach der Prohibition blieben die Amerikaner beim bequemen, billigen Import: Puerto Rico lieferte als US-Territorium zollfrei. Das Festland entdeckte das Rumbrennen erst um die Jahrtausendwende wieder.
Kulturell bekam Rum in diesem Jahrzehnt sein erstes großes popkulturelles Image: Eskapismus, Sonne, Flucht aus dem grauen Alltag, weit über die alte Rolle als Seemannsration und Arbeiterschnaps hinaus. Tiki war von Anfang an eine kreative Mythologie, eine erfundene Südseeromantik auf Basis echter karibischer Rums. Für die Menge war das in den 1930ern eine Nische, aber die Nische, die dem Rum erstmals ein cooles Image gab. Von dieser Erzählung zehren Kategorie und Marken bis heute.
1940er: Krieg, Melasse und ein Whiskey-Loch
Der Zweite Weltkrieg schuf in den USA ein Whiskey-Loch, und Rum sprang hinein. Die amerikanischen Getreidebrennereien mussten statt Whiskey Industrieethanol für synthetischen Gummi und Munition herstellen. Whiskey wurde knapp, und die Alternative kam aus der Karibik.
Die Regierungen handelten die Mengen regelrecht aus. Für 1944 genehmigten die USA Einfuhren kubanischer Trinkspirituosen von bis zu 17,9 Millionen Proof Gallons, umgerechnet rund 34 Millionen Liter reines Ethanol in einem einzigen Kriegsjahr, allein aus Kuba. Melasse war zugleich kriegswichtig, weil daraus Industrieethanol wurde. Rum war in diesen Jahren ein strategisches Gut, über das Außenministerien verhandelten.
Der Gewinner hieß Puerto Rico. Als US-Territorium lieferte die Insel zollfrei und füllte die Lücke, die der fehlende Whiskey riss. Kubas Anteil an den US-Rumimporten fiel von 52 Prozent 1935 auf 7,3 Prozent 1940, während Puerto Rico bis Ende der 1940er rund 47 Prozent des US-Markts hielt. Bacardí, Don Q und Ronrico wurden zu den Arbeitspferden dieses Booms, und die Rumsteuer finanzierte sogar öffentliche Bauprojekte auf Puerto Rico. Eine ganze Generation US-Amerikaner gewöhnte sich an Rum, weil der Whiskey fehlte, und legte damit die Nachfragebasis für den Nachkriegsboom.
1950er: Tiki-Hochphase, und ein Sturm zieht auf
Im Nachkriegswohlstand wurde Tiki zur Massenkultur. Trader Vic und unzählige Nachahmer machten die Tiki-Bar zum Freizeitstandard der amerikanischen Mittelschicht, und der Mai Tai wurde zum meistkopierten Rumdrink der Ära. Rum war fest im amerikanischen Freizeitleben verankert, gestützt von einem ganzen Lebensstil aus Musik, Möbeln und Barkultur. Kuba war das schlagende Herz, kubanischer Rum der Goldstandard.
Welche Dimension der Boom erreichte, zeigen Bacardís eigene Produktionszahlen: 1947 brannte allein das mexikanische Werk rund 28 000 Liter pro Tag, das puerto-ricanische verdoppelte seinen Ausstoß bis 1958 auf rund 75 000 Liter am Tag. 1958 ging in Cataño die neue Großbrennerei in Betrieb, die bis heute als „Kathedrale des Rums“ bekannt ist und als größte Premium-Rumbrennerei der Welt gilt. Zeitgleich expandierte Bacardí nach Spanien. Das war Industrie im Weltmaßstab, kein Boutiquegeschäft. Daneben liefen Don Q, Ronrico und die kubanischen Häuser wie Matusalem auf Hochtouren. Doch Ende der 1950er kippte die politische Lage auf Kuba.
1960er: Die kubanische Zäsur
1959 siegte die kubanische Revolution, und die neue Regierung enteignete die private Industrie, auch die Rumbrennereien. Für Bacardí, die weltgrößte Rummarke, war das der tiefste Einschnitt der Firmen- und Familiengeschichte. Die Familie verlor ihre kubanische Heimat; noch heute prostet man sich an Heiligabend zu: „Nächstes Jahr auf Kuba.“
Was folgte, ist eine der bemerkenswertesten Überlebensgeschichten der Spirituosenwelt. Bacardí hatte vorausschauend Produktionsstätten außerhalb Kubas eingerichtet und verlegte sein Imperium nach Puerto Rico, Mexiko und auf die Bahamas. Die Marke überlebte die Enteignung, weil sie global gedacht hatte, bevor sie musste.
Für die Mengen hatte das zwei Folgen. Erstens schnitt das US-Embargo kubanischen Rum vom größten Markt der Welt ab, bis heute; Kuba, einst mit über der Hälfte der US-Rumimporte, fiel auf null. Zweitens entstand eine Spaltung, die bis heute besteht: Der kubanische Staat entwickelte später die Marke Havana Club, während Bacardí von Puerto Rico aus den Weltmarkt bediente. Auch die Familie Arechabala, die Havana Club gegründet hatte, floh und nahm die Produktion nie wieder auf.
Und wie kam der heimatlose Bacardí zu uns? Über Hamburg. Das Handelshaus von Charles George Hosie, Sohn eines aus Glasgow eingewanderten Schotten, war von Tomatenkonserven über Feinkost zu einem der größten Spirituosenimporteure Deutschlands gewachsen und residierte im Chilehaus. Dieses Haus brachte den weißen Bacardí als Erstes nach Deutschland, neben Größen wie Johnnie Walker, Jack Daniel’s und Gordon’s Gin. Der Erfolg war so groß, dass Bacardí 1983 das Handelshaus Charles Hosie übernahm. Der Hamburger Name lief bis 1993 weiter, dann wurde daraus die Bacardi Deutschland GmbH, bis heute der deutsche Sitz des Konzerns. 2004 holte sich Enkel Rainer Hosie den Namen für einen symbolischen Betrag zurück und führt das Unternehmen seither wieder eigenständig, mit Schwerpunkt auf Rhum Agricole.
Bis in die 1960er drehen sich die großen Zahlen fast nur um Kuba und Puerto Rico, aber die englischen Inseln liefen mit ihrer eigenen Geschichte weiter: Jamaika mit Appleton Estate, wo seit 1749 Rum gebrannt wird, vermarktet von J. Wray & Nephew, und Barbados mit Mount Gay. Beide lieferten vor allem nach Großbritannien und in den Commonwealth, losgelöst vom Embargodrama. Die Mengengeschichte schrieben in diesem Jahrzehnt Nationen, Embargos und Konzerne, keine einzelnen Genussmarken. Wer den Rum verstehen will, muss Politik lesen statt Etiketten.
1970er: Black Tot Day und das Ende einer Ära
Am 31. Juli 1970 schenkte die Royal Navy ihren Matrosen die letzte tägliche Rumration aus. Der Tag ging als Black Tot Day in die Geschichte ein: Manche Seeleute legten schwarze Armbinden an, hielten Scheinbeerdigungen ab und warfen ihre Becher über Bord. Der Grund war nüchtern: In einer Marine aus Radar, Raketen und Atom-U-Booten passte ein täglicher Schnaps im Dienst nicht mehr. Über 300 Jahre nach der Eroberung Jamaikas war die Ration Geschichte; Neuseeland hielt als letzte Marine bis 1990 durch.
Für die Mengen zählt das, weil Navy-Rum jahrhundertelang ein gewaltiger, garantierter Abnehmer war, eine Nachfrage ohne Marketing. Die Ration betrug zuletzt ein Achtel Pint hochprozentigen Rums pro Mann und Tag, über eine weltumspannende Flotte gerechnet eine gewaltige Menge. Zugleich brachte die Kreuzfahrtkultur der 1970er Rumdrinks zu einer neuen touristischen Generation. Die Nachfrage wanderte vom Kriegsschiff aufs Traumschiff.
Nebenbei entstand 1976 in Guatemala eine Marke namens Zacapa, zum hundertjährigen Stadtjubiläum, ein regionales Produkt, meilenweit vom Weltmarkt entfernt. Mengenmäßig fiel sie noch nicht ins Gewicht. 1970 startete J. Wray & Nephew ein fünfjähriges Modernisierungsprogramm für Appleton: Die englische Inseltradition rüstete still für den Weltmarkt, während im Westen der Wodka regierte.
Weiter am Rand wurde die Rumwelt größer, als der Westen ahnte, denn Zuckerrohr wächst rund um den Globus. In Australien hatten Beenleigh und Bundaberg (seit 1888) längst eine kräftige eigene Rumkultur, fast ganz für den Heimmarkt. In Indien prägte Old Monk seit 1954 einen ganzen Subkontinent, und im Indischen Ozean lag die Zuckerinsel Mauritius. Noch waren das Binnenmärkte, aber sobald diese Länder exportieren, verschiebt sich die Mengenlandkarte des Rums.
1980er: Die Wodka-Jahre und der Spiced-Konter
Die 1980er waren hart für gereifte, kräftige Spirituosen. Der Zeitgeist wollte klar, leicht, mixbar, und das hieß Wodka. Rum galt als altmodisch, als Relikt der Tiki-Ära; eine neue Generation mag selten, was die Eltern liebten.
Die Rumindustrie konterte mit zwei Ideen, die die Kategorie bis heute prägen. Erstens der Kokosrum: Malibu, 1980 eingeführt, machte Rum süß, hell und strandtauglich und sprach genau die Wodka-Trinker an. Zweitens der Spiced Rum: Seagram nahm 1984 die schwächelnde Marke Captain Morgan, die seit 1944 bestand, und erfand sie als gewürzte, vanillige Variante neu. Der US-Start übertraf alle Prognosen und veränderte, wie Amerika Rum trank.
Die Branche zählt international in Cases zu 9 Litern; alle Zahlen hier sind in Liter umgerechnet. Captain Morgan verkauft inzwischen jedes Jahr rund 100 Millionen Liter in über 100 Ländern und ist die Nummer drei der Rumwelt. Der Konter wirkte so gut, dass Bacardí in den 1990ern mit einem eigenen Spiced nachzog.
Hier lohnt der nüchterne Blick, den kaum jemand wagt: Genau diese süßen, aromatisierten Stile wurden zum Mengenmotor des modernen Rums. Kokos, Vanille und Gewürz bewegten die Fässer, nicht der puristische Genuss. Der zugängliche, gesüßte Rum ist seit den 1980ern das kommerzielle Rückgrat der Kategorie, Jahrzehnte vor den Premiummarken der 2010er.
1990er: Mojito, Cachaça und die stille Größe
Die 1990er brachten dem Rum ein Comeback im Glas: Mojito und Cuba Libre machten ihn in der aufkommenden Barrenaissance wieder angesagt. Die Marken, die heute als Rumpioniere gehandelt werden, schufen ihre internationalen Strukturen erst: In Venezuela startete 2002 Diplomático als internationale Marke, in Deutschland als Botucal bekannt; die Brennerei dahinter gibt es seit 1959.
Der Teil, den die westliche Erzählung fast immer übersieht: Die größten Rummengen der Welt liegen nicht in der Karibik und schon gar nicht im europäischen Premiumregal, sondern in Asien. Indien ist der größte Rumkonsument der Welt; Old Monk prägte dort über Generationen, was Rum zu sein hat. Auf den Philippinen wuchs Tanduay, mit Wurzeln bis 1854, zu einem Giganten heran, der heute über 180 Millionen Liter im Jahr absetzt. Zum Vergleich: Bacardí war in den 1990ern die meistverkaufte Spirituosenmarke überhaupt, mit über 100 Millionen Litern im Jahr.
Ein einziger dieser Volumengiganten verkauft in einem Jahr mehr als eine typische Premium-Sipping-Marke in ihrer ganzen Geschichte. Das ist die stille Größe des Rums: Während der Westen über Tiki, Mojito und Premium diskutierte, tranken Indien und die Philippinen Rum in Mengen, gegen die jede Boutiquemarke verschwindet. Die Mengenlandkarte ist asiatisch und karibisch, nicht europäisch, und das war in den 1990ern längst Realität.
2000er: Premiumisierung und die Erfindung des Sipping-Rums
In den 2000ern entdeckte die Branche eine neue Idee: Rum musste kein Mixgetränk bleiben, er konnte purer Genuss sein. Sipping Rum, gereift, weich, komplex, im Nosingglas serviert. Hier tauchen die Marken auf, um die sich so viele Mythen ranken. Zacapa aus Guatemala, 1976 zum Stadtjubiläum geschaffen, wurde erst mit dem Einstieg von Diageo ab 2008 zur internationalen Größe. Diplomático aus Venezuela entwickelte sein weltweites Geschäft in denselben Jahren. Beide lebten vom Konzernmarketing und einem weichen, süßlichen Profil, das Einsteiger sofort mochten.
Woher wussten diese Einsteiger, dass Rum süß sein darf? Die Antwort liegt zwei Jahrzehnte früher. Die Generation, die jetzt zum Sipping Rum griff, war mit den gesüßten, aromatisierten Rums der 1980er und 1990er groß geworden, mit dem Kokos von Malibu und dem Vanilleton von Captain Morgan. Dieser süße Ton saß längst als „so schmeckt Rum“ am Gaumen. Was neu wirkte, knüpfte an alte Trinkgewohnheiten an.
Die Zeitachse und die Mengenachse widersprechen der Erzählung, ein paar Marken hätten den Rum groß gemacht. Rum war zu diesem Zeitpunkt seit über 300 Jahren eine Weltspirituose. Diese Marken haben gelernt, nicht erfunden: Sie nahmen ein bis dahin kleines, nahezu zuckerfreies Segment, den puren, gereiften Rum, und entwickelten es weiter, weicher, gefälliger und deutlich süßer. Das ist geschickte Vermarktung eines Nischenprodukts. Die trockenen, gereiften Rums gab es längst; sie wurden zur Zigarre im Hinterzimmer oder an der Bar getrunken, nur eben ohne diese Süße.
Pikant dabei: Ausgerechnet diese Premiumbotschafter stehen für kräftig gesüßte Rums. Tests zeigen bei solchen Marken 20 bis 40 Gramm Zucker pro Liter oder mehr. Populär gemacht haben sie damit weniger den unverfälschten Rum als eine besonders zugängliche, süße Spielart.
2010er: Tanduay überholt Bacardí
2017 geschah etwas, das im westlichen Rumdiskurs kaum vorkommt: Die philippinische Marke Tanduay überholte Bacardí als meistverkaufte Rummarke der Welt und hält diese Spitze seither. Zuletzt verkaufte Tanduay rund 207 Millionen Liter im Jahr, Bacardí etwa 170 Millionen, Captain Morgan rund 100 Millionen. Dahinter folgen Marken wie McDowell’s aus Indien und Havana Club. Das sind die Giganten: Alltagsrum aus Asien und der Karibik, gestützt von riesigen Heimatmärkten. Die vielzitierten Premium-Sipping-Marken spielen in einer anderen Liga, mit einigen Millionen bis wenigen Dutzend Millionen Litern, viele davon außerhalb der Top 20.
In dieses Jahrzehnt fällt auch der Start von Don Papa, 2012 auf den Philippinen von einem früheren Spirituosenmanager erdacht. Ein cleveres, modernes Markenprodukt, das in der EU wegen Zucker und Aromatisierung teils als Spirituose statt als Rum geführt wird. Auch das zeigt: Diese Marken sind faszinierende Randerscheinungen, keine Fundamente der Kategorie.
Die englischen Inseln erlebten ihre eigene Renaissance, über die Kenner. Foursquare auf Barbados, Hampden und Worthy Park auf Jamaika machten kompromisslosen Pot-Still-Rum zum Liebling der Rumszene; Appleton ging 2012 an den Campari-Konzern. Das ist die andere Antwort auf den Sipping-Hype: puristisch und aromastark statt gesüßt.
Auf dem amerikanischen Festland kehrte der Rum zurück, zuerst leise mit Pionieren wie Prichard’s in Tennessee ab 1999. Um 2006 zählte man eine Handvoll Rumbrennereien, mit dem Craft-Boom und seit etwa 2016 explodierte die Zahl. Heute brennen Hunderte Betriebe in über 40 Bundesstaaten Rum, viele aus lokalem Zuckerrohr, Sirup oder Sugarcane Honey: kleinteilig, experimentierfreudig, mengenmäßig bescheiden, aber lebendig.
Und die Länder am Rand kamen ins Exportieren. Mauritius erlebt seit 2010 einen Exportboom, die Ausfuhren haben sich mehr als verdoppelt, und Marken wie New Grove, Chamarel und Penny Blue machen den Namen der Insel bekannt. Indien bleibt der schlafende Riese, Old Monk und McDowell’s stehen für gewaltige Mengen, und Australien pflegt mit Bundaberg einen Heimgiganten. Die Rumlandkarte reicht von der Karibik über den Indischen Ozean bis nach Ozeanien.
Die Zuckergrenze: eine Geschichte aus Brüssel
Diese Geschichte habe ich aus der Nähe verfolgt: Seit 2017 nehme ich für den BSI, den Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie, an den parlamentarischen Abenden in Brüssel teil. Sie beginnt mit einer unbequemen Beobachtung: In den 2010ern war die Rangliste der beliebtesten Sipping Rums Jahr für Jahr fast deckungsgleich mit der Rangliste der Zusüßung. Je süßer, desto weiter vorn.
2013 testete Bacardí in den USA einen gesüßten, leicht gereiften, vanilligen Rum, deutlich süßer als die in Europa erfolgreichen Premiummarken. Als die Pläne bekannt wurden, liefen Mitbewerber wie Diageo, das Haus hinter Zacapa, Sturm, sinngemäß mit dem Satz: Das gehe zu nah an Likör. Noch vor einem Europastart stellte Bacardí das Produkt ein. Was dann folgte, erzähle ich so, wie es mir Gustavo und Adolfo Bacardí, Mitglieder der Familie, beim Bacardí-Legacy-Finale 2014 in Moskau geschildert haben: Das Haus brachte sein Gewicht über klassische Verbands- und Lobbyarbeit in die gerade beginnende Novelle der EU-Spirituosenverordnung ein.
Schwarz auf weiß belegt ist das Ergebnis: Die 2019 verabschiedete Verordnung (EU) 2019/787 begrenzt die Zusüßung von Rum auf 20 Gramm pro Liter, allein zum Abrunden des Geschmacks. Whisky darf gar nicht gesüßt werden, Brandy bis 35 Gramm. Seither müssen kräftig gesüßte Rums in der EU ihre Rezeptur ändern oder als Spirituose firmieren. Für die Rumwelt war das ein Kracher: Eine ganze Kategorie wurde über Nacht ehrlicher etikettiert als je zuvor.
Eine Spielart verlor damit in der EU ihre Kategorie: der Spiced Rum. Weil ein Rum seinen Geschmack aus dem Rohstoff ziehen muss und nicht aromatisiert werden darf, fällt die gewürzte, kräftig gesüßte Variante heraus. Selbst Captain Morgan Spiced führt auf dem Etikett längst „Spirituose“ statt „Rum“. Der Spiced Rum als Rumkategorie ist in Europa Geschichte, nach rund 35 Jahren.
2020er: Konzerne, Zucker-Wahrheit und die Mengenrealität
Die 2020er zeigen zwei Bewegungen. Auf der einen Seite die Konsolidierung: Diageo kaufte Don Papa, Brown-Forman übernahm Diplomático. Die einst unabhängigen Premiummarken gehören heute den größten Konzernen der Welt. Auf der anderen Seite wächst eine Aufklärungsbewegung. Immer mehr Genießer fragen nach: Wie viel Zucker steckt drin, stimmt die Altersangabe? Die Zuckergrenze der EU zwingt manche Marken zu weniger gesüßten Rezepturen. Herkunft, Transparenz und zusatzfreie Herstellung werden zum neuen Qualitätsversprechen.
Die Mengenrealität bestätigt die ganze Geschichte. In den reinen Handelsstatistiken führt beim Produktionsvolumen ausgerechnet China mit rund 357 Millionen Litern, vor Indien mit 160 und den USA samt Puerto Rico mit 111 Millionen Litern. Hier lohnt der genaue Blick: Der internationale Zollcode für Rum bündelt alle aus Zuckerrohr gebrannten Spirituosen, auch einfachen Tafia und neutrale Fassware für die Industrie. Chinas Riesenzahl ist Zuckerrohrsprit in Masse, ohne eine einzige bekannte chinesische Marke. Meint man den Rum mit Namen, den wir trinken, führen Indien und die Philippinen. Bei den Marken regiert Tanduay vor Bacardí vor Captain Morgan.
Der Weltmarkt für Rum wird auf 16 bis 17 Milliarden Dollar geschätzt und wächst im einstelligen Prozentbereich. Die Karibik und Lateinamerika prägen Prestige und Erbe, die Menge kommt aus den bevölkerungsreichen Märkten.
Nachtrag: Türöffner oder marktprägend?
Nach meinem ersten Short zu diesem Thema kam ein guter Einwand: Marken wie Zacapa und Botucal hätten das Hobby Rum in Deutschland mit angestoßen, viele neue Fans gewonnen und Gespräche ausgelöst. Das stimmt, und das erkenne ich an. Als Türöffner in eine bestimmte Genießerschicht haben diese Marken viel bewegt. Nur ist ein Thema angesagt machen etwas anderes als eine Kategorie groß machen. Das eine begeistert eine Nische, das andere prägt den Markt über Mengen, Infrastruktur, weltweite Präsenz und jahrzehntelange Arbeit.
Dazu kommt ein Zusammenhang, den fast alle übersehen: Ohne den Erfolg der süßen, aromatisierten Rums der 1980er und 1990er, allen voran Captain Morgan Spiced und Bacardís aromatisierte Varianten, gäbe es die Gattung der weichen, gesüßten Sipping Rums womöglich gar nicht. Diese Massenprodukte haben den Gaumen zweier Generationen auf „Rum darf süß sein“ geprägt. Der Türöffner hatte selbst einen Türöffner. Und Bacardí wird massiv unterschätzt, oft aus Unkenntnis über Geschichte und Produkte. Wer die Mengen, die Reifekunst und die Rolle in der Rumgeschichte kennt, redet anders über dieses Haus.
Bleibt der Vergleich mit dem Gin-Boom: Monkey 47, Hendrick’s und Co. hätten Gin ja auch groß gemacht. Dazu kenne ich die Einschätzung eines deutschen EU-Abgeordneten, mit dem ich auf den parlamentarischen Abenden des BSI in Brüssel gesprochen habe. Er saß in beiden zuständigen Ausschüssen, zur alten Spirituosenverordnung 110/2008 und zur Nachfolgerin 2019/787. Seine Einschätzung: Dem ersten Ausschuss war nicht bewusst, was er losgetreten hat. Der Knackpunkt steckt in einem Wort. Beim Gin muss Wacholder „vorherrschend“ sein, bei der breiteren Kategorie, zu der Steinhäger und Genever zählen, nur „wahrnehmbar“. Wie viel „vorherrschend“ bedeutet, steht nirgends in Zahlen. Genau dieser Spielraum öffnete die Tür für den New Style Gin, bei dem Gurke, Rose oder andere Botanicals den Ton angeben, solange Wacholder irgendwie vorherrscht.
Die Marken waren zur Stelle: Hendrick’s, 1999 erdacht, mit Gurke und Rose, und Monkey 47 aus dem Schwarzwald, die Brennerei 2008 gegründet, der Gin 2010 auf dem Markt. Erdacht vor der Welle, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, lösten sie den Gin-Boom mit aus. Trotzdem haben sie Gin vor allem in Europa in einer kleinen Schicht angesagt gemacht. Die Mengen stemmen bis heute die großen Häuser: Gordon’s, Tanqueray, Beefeater, Greenall’s und weltweit der Gigant Ginebra San Miguel.
Was mich am kleinen Wort „groß gemacht“ stört: Es macht die Großen klein und verengt den Blick auf eine einzige Nische. Dabei ist Rum pure Vielfalt. Der würzige Pot-Still-Jamaikaner gehört genauso dazu wie der Spiced und der weiche Sipping Rum. Wer nur drei Premiumnamen nennt, verliert diese Vielfalt aus dem Blick.
Fazit
Rum begann als lästiger Überschuss der Zuckerherstellung und wurde über vier Jahrhunderte zu einer der größten Handelsspirituosen der Welt. Er hat Flotten versorgt, Kriege überbrückt, eine Revolution überlebt und ganze Märkte geprägt. Die Mengen erzählen die ungeschminkte Version: Die wahren Giganten heißen Tanduay, Bacardí, Captain Morgan, McDowell’s und Old Monk, Alltagsrum aus Asien und der Karibik.
Die glänzenden Premiumnamen, die man dir manchmal als Erfinder des Rums verkauft, sind jung, klein und oft süßer, als sie zugeben. Sie haben ein feines, nahezu zuckerfreies Nischensegment übernommen und süß weiterentwickelt, populär vor allem in der westlichen Welt. Groß gemacht hat den Rum die Weltgeschichte, nicht drei Flaschen aus dem Premiumregal. Wenn du das nächste Mal hörst, drei Marken hätten den Rum erfunden: Er war schon eine Weltmacht, als deren Gründer noch nicht geboren waren.
Quellen
- Wikipedia, Rum: https://en.wikipedia.org/wiki/Rum
- Wikipedia, Rum ration und Black Tot Day: https://en.wikipedia.org/wiki/Rum_ration
- The Nation, The Secret History of Rum: https://www.thenation.com/article/archive/secret-history-rum
- The Spirits Business, Best-selling rum brands: https://www.thespiritsbusiness.com
- IndexBox, World Rum Market Overview 2024: https://www.indexbox.io/blog/rum-world-market-overview-2024-7
- Verordnung (EU) 2019/787, Zusüßung von Rum: https://www.wipo.int/wipolex/en/legislation/details/18929