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Der Tequila Boom und seine Schattenseite – Könnerwissen Tequila 1

11. Mai 2026 · Jörg Kalinke · 13 Min. Lesezeit

Die teuerste Zutat in deinem Tequila ist nicht der Promi auf dem Etikett, nicht die Flasche und nicht das Fass. Es ist Zeit. Bevor Tequila in die Flasche kommt, steht die Pflanze dahinter auf dem Feld: Die blaue Weber-Agave wächst sechs, sieben, manchmal acht Jahre, in Ausnahmefällen bis zu 12 Jahre, bevor aus ihr Tequila werden kann. In dieser Zeit kann der Markt explodieren, ein Prominenter seine Marke verkaufen, ein Konzern Milliarden investieren, ein Frost die Ernte beschädigen oder ein Farmer auf Agaven sitzen bleiben, die keiner haben will, weil sie zu klein sind oder nicht die richtige Aromatik haben. Tequila ist heute kein Shot mit Salz und Zitrone, sondern Herkunftsschutz, Landwirtschaft, US-Lifestyle, Premiumisierung und Klimarisiko. Wer nur über Blanco, Reposado und Añejo spricht, kratzt an der Oberfläche. Im ersten Teil von Könnerwissen Tequila geht es um eine Leitfrage: Wird Tequila gerade erwachsen, oder wird er von seinem eigenen Boom überholt?

Geschützte Herkunft mit langer Vorgeschichte

Tequila ist kein frei erfundener Stil, sondern eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Mexiko hat sie 1974 veröffentlicht. Seitdem ist der Name Tequila geistiges Eigentum des mexikanischen Staates. Die Herkunftsbezeichnung umfasst heute 181 Gemeinden in fünf Bundesstaaten. Im Zentrum steht Jalisco, dazu kommen bestimmte Gemeinden in Nayarit, Guanajuato, Michoacán und Tamaulipas. Tequila darf nur aus Agave tequilana Weber var. azul hergestellt werden, der blauen Weber-Agave. Damit rückt Tequila näher an Cognac, Champagner oder Scotch als an einen frei definierten Spirituosenstil: Der Name ist geschützt, die Herkunft ist Teil des Produkts, und die Regeln entscheiden, was sich Tequila nennen darf.

Seit 1994 überwacht und zertifiziert der CRT, der Consejo Regulador del Tequila, die Einhaltung dieser Regeln. Die Dimension ist enorm: 2024 wurden laut CRT 495,8 Millionen Liter Tequila produziert und 400,3 Millionen Liter exportiert, davon 334,9 Millionen Liter in die USA. Der Boom ist real und weltweit, aber er hängt an einer Pflanze, die Jahre braucht. Daraus entsteht die Spannung dieser Kategorie. Romantische Bauernspirituose ist Tequila deshalb keine. Es gibt große Häuser und kleine Marken, industrielle und traditionelle Methoden, Marken mit eigener Identität und Marken, die vor allem eine gute Geschichte, gutes Design und gute Distribution haben.

Die Geschichte beginnt lange vor Tequila. Agave ist in Mexiko zuerst keine Spirituosenpflanze, sondern Nahrung, Faser, Baustoff, Medizin, Ritualpflanze und Grundlage fermentierter Getränke. Rund um die Stadt Tequila wird Agave seit mindestens 2000 Jahren für fermentierte Getränke und Textilien genutzt. Tequila ist der späte, destillierte Ausdruck dieser Agavenkultur. Mit der Kolonialzeit kommt die Destillation, und dazu gibt es zwei Erzählungen. Die klassische sagt, die Spanier hätten europäisch und arabisch geprägte Brenntechnik mitgebracht. Eine andere Forschungslinie betont den pazifischen Weg: Über die Manila-Acapulco-Galeonen kam asiatische und philippinische Destillationstechnik nach Mexiko, zuerst für Kokos, später für Agave. Tequila ist mexikanisch, seine Technikgeschichte ist global. Im 19. und 20. Jahrhundert machen Eisenbahn, Handel, Industrialisierung, Markenbildung und der Export in die USA aus dem regionalen Agavenbrand eine globale Kategorie. Die UNESCO führt die Agavenlandschaft von Tequila als Welterbe: 34.658 Hektar zwischen dem Vulkan Tequila und dem Tal des Río Grande, geprägt von blauen Agavenfeldern, Haciendas und Brennereien.

100 % Agave oder Mixto

Für den Einstieg ist das der wichtigste Punkt: Tequila ist nicht gleich Tequila. Es gibt zwei Kategorien. Bei 100 % Agave stammen die vergärbaren Zucker ausschließlich aus der blauen Weber-Agave. Daneben gibt es die Kategorie, die schlicht Tequila heißt, in der Fachsprache Mixto. Hier müssen mindestens 51 % der vergorenen Zucker aus der blauen Weber-Agave stammen, bis zu 49 % dürfen aus anderen Zuckern kommen, etwa aus Melasse oder Rübenzucker. Geregelt ist das in der Norm NOM-006-SCFI-2012. Sie definiert Tequila als regionales alkoholisches Getränk aus dem Herzen der blauen Weber-Agave und lässt bei 100 % Agave keine anderen Zucker in der Fermentation zu.

Mixto ist legal und kann seinen Platz haben, aber er ist eine andere Qualitäts- und Stilfrage. Die erste Frage lautet also nicht Blanco oder Reposado, sondern 100 % Agave oder nicht. Lies das Etikett: Steht dort nicht 100 % Agave, ist es in der Regel ein Mixto. In Deutschland ist das der Normalfall. Fast 95 % des Marktanteils entfallen hier auf Mixto-Tequila.

Vom Feld ins Glas

Wer Tequila verstehen will, muss die Pflanze verstehen. Die blaue Weber-Agave ist keine Traube und kein Getreide. Sie wird nicht jedes Jahr geerntet, sondern wächst über Jahre, sammelt Kohlenhydrate, und am Ende wird nicht die Frucht geerntet, sondern der Stamm, das Herz der Pflanze: die Piña. Der Jimador schlägt die Blätter mit der Coa ab, einer sichelähnlichen Klinge an einem langen Stab. Übrig bleibt ein schweres, faseriges Agavenherz. Dessen Kohlenhydrate werden durch Kochen oder Hydrolyse aufgeschlossen, danach werden die Zucker aus der gegarten Agave gelöst. Der Most wird vergoren und destilliert. Damit steht die Basis für einen Blanco.

Ab hier entscheidet sich der Stil. Blanco oder Plata ist transparent, nicht zwingend farblos, und darf laut Norm weniger als 2 Monate in Eichenholz lagern. Reposado reift mindestens 2 Monate, Añejo mindestens 1 Jahr in Behältern aus Eiche mit maximal 600 Litern Füllmenge, Extra Añejo mindestens 3 Jahre. Joven oder Oro ist ein Blend und ein vom Mellowing beeinflusster Stil. Die Norm schreibt nicht vor, dass Tequila im traditionellen Ofen gekocht werden muss, nicht, dass mit der Tahona gearbeitet wird, und keine bestimmte Destillationstechnik. Dieser Spielraum erklärt, warum zwei Tequilas aus 100 % Agave völlig unterschiedlich schmecken können. Ein handwerklich erzeugter Blanco aus langsam gegarter Agave und offener Fermentation ist eine andere Welt als ein effizient produzierter Tequila aus industrieller Verarbeitung. Beides ist legal, beides ist Tequila, aber es erzählt eine andere Geschichte. Ernte, Garen, Extraktion, Fermentation, Destillation, Reifung und Abfüllung: Jeder Schritt ist geregelt, und jeder ist eine Stellschraube für den Geschmack.

Mellowing bedeutet Abrunden. Erlaubt sind Karamellfarbe, Eichenextrakte, die aus der Eiche stammen müssen und keine Aromaextrakte sein dürfen, Glycerin und zuckerbasierte Sirupe, zusammen maximal 1 % des Tequilagewichts vor der Abfüllung. Ziel ist ein süßerer, runderer, bekömmlicherer Tequila. Gedacht ist das als Feinjustierung. Ob es immer Feinjustierung bleibt oder auch Verkaufsargument ist, regelt niemand. Die faire Einordnung: Mellowing innerhalb der Regeln ist kein Betrug, aber es kann den Eindruck von Reife, Süße und Weichheit verändern.

NOM, CRT und die Klagen gegen Diageo

Auf jeder Tequilaflasche stehen zwei Kürzel, die du kennen solltest. NOM steht für Norma Oficial Mexicana, die offizielle Norm, nach der Tequila produziert, abgefüllt und gekennzeichnet wird. Der CRT prüft und zertifiziert, ob diese Regeln eingehalten werden. Die NOM-Nummer auf der Flasche zeigt, welcher autorisierte Produzent hinter dem Produkt steht. Wer die Nummern vergleicht, findet dieselbe Nummer auf Flaschen unterschiedlicher Marken: Die Tequila-Welt besteht nicht aus tausenden unabhängigen Brennereien, sondern aus einer kleineren Zahl autorisierter Produzenten, die für unterschiedliche Marken produzieren. Die NOM-Nummer ist kein Qualitätssiegel im geschmacklichen Sinn. Sie sagt: Das ist legaler, zertifizierter Tequila. Sie sagt nicht: Das ist ein großartiger Tequila. Auch 100 % Agave heißt nicht automatisch traditionell, additivfrei oder komplex, sondern nur, dass die vergärbaren Zucker vollständig aus der blauen Weber-Agave stammen. Für alles gibt es eine Regel, für nichts eine Garantie: Ein Regelwerk und seine Kontrolle ersetzen nicht die Gewissheit, dass im Glas ist, was auf dem Etikett steht.

Genau hier wird es aktuell brisant. Gegen Diageo, den Konzern hinter Casamigos und Don Julio, laufen in den USA Verfahren. Im Mai 2025 wurde eine Klage eingereicht. Die Kläger behaupten, bestimmte Produkte seien als 100 % Agave oder 100 % blaue Weber-Agave vermarktet worden, bestünden aber nicht vollständig aus Alkohol der blauen Weber-Agave. Laut Reuters stützen sich die Kläger auf Untersuchungen, die nach ihrer Darstellung erhebliche Mengen Alkohol aus Rohrzucker oder anderen Quellen ergeben hätten. Ihre Argumentation: Wer Agave auf die Flasche schreibt, darf keinen billigeren Alkohol aus Zuckerrohr oder anderen Quellen einsetzen. Diageo weist die Vorwürfe zurück, bezeichnet die Klagen als unbegründet sowie logisch und rechtlich mangelhaft und erklärt, alle als 100 % Agave gekennzeichneten Tequilas von Casamigos und Don Julio würden aus 100 % blauer Weber-Agave hergestellt. Das sind Vorwürfe der Klägerseite und die Gegenposition des Konzerns. Ein gerichtliches Ergebnis gab es zum Zeitpunkt des Videos nicht. Von einem bewiesenen Betrug zu sprechen, wäre zu früh. Sobald es ein Ergebnis gibt, greife ich das Thema wieder auf.

Für mich ist an dem Fall weniger der einzelne Konzern interessant als das Grundproblem. 100 % blaue Weber-Agave ist ein Premiumversprechen. Du zahlst mehr, weil die Agave langsam wächst, einmal geerntet wird und nicht beliebig verfügbar ist wie Neutralalkohol. Wird dieses Versprechen angezweifelt, geht es um das Vertrauen in die gesamte Kategorie. Dazu kommt, dass in Mexiko auch das Kontrollsystem selbst in der Kritik steht, bis hin zu Korruptionsvorwürfen. Auch das sind Vorwürfe, keine festgestellten Tatsachen. Wenn Zweifel bestehen, reicht ein kleines Siegel auf dem Etikett nicht. Dann wollen Konsumenten wissen, welche Agave, welche Fermentation, welche Destillation, welche Tests. Stell deshalb bei Tequila drei Fragen: Woher kommt er, woraus wurde er gemacht, und wie transparent ist die Marke über ihre Produktion?

Was das US-Geld mit Tequila gemacht hat

Wer verstehen will, was in den letzten zehn Jahren mit Tequila passiert ist, muss in die USA schauen. Die USA sind nicht ein wichtiger Markt, sie sind der Markt: 2024 gingen laut CRT 84 % der Tequila-Exporte dorthin. Bewegen sich amerikanische Konsumenten, Bars, Großhändler und Konzerne, bewegt sich die ganze Kategorie. Tequila wurde dort vom Shot- und Margarita-Produkt zur Premium- und Lifestyle-Kategorie. 2003 wurden in den USA etwa 8 Millionen 9-Liter-Kisten Tequila und Mezcal verkauft, also 72 Millionen Liter. 2023 waren es 31,6 Millionen Kisten, ein Wachstum von 294 %. High-End-Marken wuchsen seit 2003 um 1270 %, Super-Premium um über 1500 %.

Für die großen Spirituosenkonzerne war das das Signal zu investieren. 2017 kaufte Diageo Casamigos, die Marke von George Clooney, Rande Gerber und Mike Meldman. Der Deal wurde mit bis zu einer Milliarde US-Dollar bewertet, 700 Millionen vorab und bis zu 300 Millionen als Earn-out. Eine junge Celebrity-Marke erzielte einen Preis, der die Branche aufrüttelte. 2018 folgte Bacardi mit Patrón bei einem Unternehmenswert von 5,1 Milliarden US-Dollar. Patrón war größer und etablierter, aber der Deal bestätigte: Ultra-Premium-Tequila ist Konzernstrategie. Pernod Ricard baute mit Avión, Del Maguey und später Ojo de Tigre seine Agaven-Position aus. Diageo kaufte 2022 21Seeds, eine aromatisierte Super-Premium-Marke für leichte, mixbare Drinks. Heaven Hill übernahm Samson & Surrey mit Tequila Ocho und Mezcal Vago. 2025 kündigte Tito's Handmade Vodka eine Mehrheitsbeteiligung an Lalo Tequila an.

Vier Folgen sehe ich. Erstens wurde Tequila hochwertiger inszeniert, nicht immer hochwertiger produziert: schwerere Flaschen, elegantere Designs, emotionalere Geschichten, näher an Whisky, Cognac und Luxuswodka. Zweitens wurde die Distribution entscheidend. Marken verkaufen Zugang zu Regalen, Bars, Großhändlern und zur Aufmerksamkeit der Konsumenten. Drittens wurden Prominente zum Geschäftsmodell. Nicht jeder Promi-Tequila ist schlecht, aber die Kategorie passt extrem gut zu Lifestyle, Social Media und Premium-Storytelling. Viertens stieg der Druck auf Produktion und Rohstoff, denn eine Agave, die sieben bis neun Jahre wächst, liefert nicht morgen, nur weil heute eine Marke viral geht.

Deshalb versucht Tequila, europäische Märkte zu erobern, und beißt in Deutschland teilweise auf Granit. Hier greifen junge Leute beim Weggehen zum Mixto, weil er günstig ist. Meine Erfahrung aus der Bar: Wer einmal zu viel Mixto hatte, ist für Tequila und vor allem für 100 % Agave lange verloren. Das typische Geruchsspektrum löst dann Abneigung bis zum Würgreflex aus. Frag in deinem Bekanntenkreis nach, wenn du mir das nicht glaubst. Solange der deutsche Markt so stark von Mixto geprägt ist, fehlen dem Premiumsegment die Kunden von morgen. Wenn du nicht unter diesem Tequila-Syndrom leidest: Es gibt sehr feine Tequila-Marken, probier sie aus.

Die Agave denkt in Jahren

Tequila lässt sich nicht hochskalieren wie eine Limonade. Der Markt denkt in Monaten, die Agave in Jahren. Wächst Tequila stark, wird Agave gepflanzt, die erst Jahre später erntereif ist. Wollen dann alle gleichzeitig ernten, wird aus Knappheit Überangebot. In den späten 2010er- und frühen 2020er-Jahren stiegen die Agavenpreise stark. Für kleine Produzenten war das ein Problem, für Farmer ein Anreiz zu pflanzen. Danach kam die andere Seite: reife Agaven im Überfluss, langsameres Wachstum, Preisdruck. Qualität wird deshalb auf dem Feld entschieden, in Verträgen und in der Frage, wer eigene Agave besitzt, wer langfristig einkauft und wer am Spotmarkt hängt. Große Unternehmen haben Kapital, Verträge, eigene Felder, die sie teilweise per Satellit überwachen, und Einkaufsmacht. Ist Agave teuer, leiden kleine Marken. Ist sie billig, leiden die Farmer. Dazu steigt bei schneller Nachfrage der Anreiz zur Effizienz: schnellere Hydrolyse, Diffusor, hohe Ausbeute, standardisierte Profile. Das macht Tequila planbarer, weicher, massentauglicher und manchmal charakterärmer. Der Boom hat Tequila gespalten: Aufmerksamkeit, Geld, Verfügbarkeit und Premiumprodukte auf der einen Seite, Marketingüberhitzung, Rohstoffzyklen und industrielle Effizienz auf der anderen.

Beim Klima passiert schnell ein Denkfehler: Agave, Hitze, Wüste, kommt schon klar. Teilweise stimmt das. Agaven sind CAM-Pflanzen, sie öffnen ihre Spaltöffnungen vor allem nachts und nutzen Wasser extrem effizient. Immun ist Tequila trotzdem nicht. Er hängt an einer Agavenart in einer definierten Region. Ändern sich dort Temperatur, Niederschlag, Frost oder Krankheitsdruck, kann man nicht ausweichen und trotzdem Tequila herstellen. Monokulturen aus genetisch ähnlichen Pflanzen erhöhen das Risiko durch Fusariumwelke, Bodenstress und Schädlinge. Frost, Dürre und Ernteausfälle wirken über Menge und Preis, und weil die Pflanze so langsam wächst, zeigen sich Extremjahre erst Jahre später im Markt. Nachhaltigkeit ist zudem nicht nur CO2: Energie fürs Kochen und Destillieren, Wasser, Vinasse, Bagasse, Glas, Transport und Landnutzung, bis hin zu Druck auf Wald und Ökosysteme in Mexiko. Die konstruktive Seite: Die Branche weiß genau, wo ihre Rohware wächst. Das ermöglicht Rückverfolgbarkeit und Agrarprogramme wie die ARA-Zertifizierung, Agave Responsable Ambiental, die Anbau ohne Entwaldung fördern soll. Forschung zur Agave tequilana zeigt, dass genetische Vielfalt für die Anpassungsfähigkeit entscheidend ist. Initiativen wie Bat Friendly Agave lassen einen Teil der Pflanzen blühen, damit Fledermäuse sie bestäuben. Wird jede Agave vor der Blüte geerntet, fehlt die sexuelle Vermehrung und mit ihr ein Teil der Anpassungsfähigkeit.

Fünf mögliche Zukünfte

Ich glaube, Tequila hat nicht eine Zukunft, sondern fünf. Die erste ist Luxus: Añejo, Extra Añejo, Cristalino, limitierte Abfüllungen, schwere Prestigeflaschen, Geschenke, Marktanteile von Whisky, Cognac und Premiumwodka. Profitabel, aber mit der Gefahr, dass Tequila wie ein generisches Luxusprodukt erzählt wird statt wie eine Spirituose mit Herkunft. Die zweite ist Cocktail und Lifestyle: Blanco und Reposado in Paloma, Margarita, Ranch Water und einfachen Highballs. Hier ist Tequila stark, weil er frisch, mixbar und kulturell aufgeladen ist, vor allem in Märkten, in denen Konsumenten eine aromatischere Alternative zu Wodka suchen. Die dritte ist Transparenz: Welche NOM, welche Methode, welche Agave, welche Zusätze, welche Reifung? Der Nerdismus rund um Tequila ist schon groß. Das hilft kleineren, glaubwürdigen Marken und zwingt große zu klarer Kommunikation. Die vierte ist Landwirtschaft: bessere Planung der Agavenzyklen, Biodiversität, gesündere Böden, weniger Entwaldung, bessere Abwasser- und Energieprogramme, fairere Beziehungen zu den Agavenbauern. Das ist nicht romantisch, das ist entscheidend. Die fünfte ist Konkurrenz innerhalb der Agavenwelt: Mezcal, Raicilla, Bacanora und andere Agavendestillate ziehen Interesse ab. Tequila bleibt die Leitkategorie, aber je besser die Leute Agave verstehen, desto öfter fragen sie, ob es immer Tequila sein muss.

Fazit und Ausblick auf Teil 2

Die größte Frage ist, ob Tequila den Mut hat, seine Herkunft ernster zu nehmen. Wenn ja, kann er eine der spannendsten Premiumkategorien der nächsten Jahrzehnte werden. Wenn nein, wächst die Kategorie vielleicht weiter, verliert dabei aber einen Teil ihrer Seele. Tequila ist nicht nur Agave, sondern blaue Weber-Agave aus einem geschützten Gebiet. Er ist nicht nur Tradition, sondern auch Industrialisierung, Regulierung, Export und Kapital. Und er ist ein langsames Agrarprodukt in einem schnellen Markt. Es geht nicht darum, jedem Celebrity-Tequila zu misstrauen, jede industrielle Methode zu verteufeln oder jede kleine Marke zu verklären. Es geht um die richtigen Fragen: Ist es 100 % Agave? Welche NOM steht auf der Flasche? Wie transparent sind Produktion und Hersteller? Schmecke ich Agave oder vor allem Süße, Holz und Marketing? Und trägt diese Flasche zu einer Tequila-Zukunft bei, die auch auf dem Feld funktioniert?

Das hier ist die Basis. Im zweiten Teil von Könnerwissen Tequila schauen wir uns die Unterschiede in der Herstellung an: bei der Ernte, beim Kochen und bei der Hydrolyse, bei der Extraktion der Zucker, bei der Destillation und bei der Lagerung.

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