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Meisterplan: Rum und Jägermeister zu gleichen Teilen im Tiki-Becher

26. August 2026 · Jörg Kalinke · 6 Min. Lesezeit

Acht Zutaten, zwei Basen, Rum und Kräuterlikör zu gleichen Teilen, und bei einer davon stockt die Hand. Als ich zum Jägermeister griff, habe ich kurz gezögert. Am Ende dieses Artikels kennst du den Grund und weißt, warum das Zögern unbegründet ist. Der Meisterplan ist ein junger Tiki-Drink, der international längst bekannt ist und auf DrinkLink zum ersten Mal auf Deutsch vorgestellt wurde.

Das Rezept

Alle Mengen in Zentiliter, alles kommt in den Shaker:

  • 0,5 cl Grenadine
  • 1,5 cl Zimtsirup
  • 1,5 cl Maracujasirup
  • 1,5 cl Zitronensaft, frisch gepresst
  • 1,5 cl Limettensaft, frisch gepresst
  • 0,75 cl Allspice Dram (Pimentlikör)
  • 4,5 cl Jägermeister
  • 4,5 cl Barbados-Rum

Tiki-Becher, Würfeleis zum Schütteln, Crushed Ice im Glas; Garnitur: ein Bund aktivierte Minze und ein Trinkhalm.

Ich nehme einen zwölfjährigen Doorly’s; im Original steht ein Real McCoy mit fünf Jahren. Barbados-Rums ähneln sich in ihrer Art, und deshalb lässt sich der eine durch den anderen ersetzen, aber Vorsicht: Austauschbar ist bei Spirituosen ein dehnbarer Begriff, denn geschmacklich unterscheiden sie sich alle.

Die Zubereitung

Zuerst kommt Würfeleis in den Shaker, damit die Zutaten schon beim Abmessen vorkühlen. Gemessen wird mit dem Jigger, und wie immer beginne ich beim süßesten, klebrigsten Bestandteil: Grenadine, Zimtsirup, Maracujasirup. Dann folgt der Pimentlikör, und hier ist Vorsicht geboten, denn Piment überdeckt gern andere Aromen. Danach kommen Zitronen- und Limettensaft, zum Schluss Rum und Jägermeister.

Vor dem Schließen gieße ich das Schmelzwasser ab, dann wird 12 bis 15 Sekunden kräftig geschüttelt, bis sich der Shaker vor Kälte kaum noch anfassen lässt. Mit dem Strainer abseihen und über frisches Crushed Ice in den Becher geben; der Drink hat eine schöne Bernsteinfarbe.

Obenauf kommt ein Bund Minze, und die wird nicht geklatscht, sondern aktiviert: Ich nehme das Bund, benutze die Hand als Fächer und reibe zwei-, dreimal nach oben, sodass die Pflanze ihren Duft abgibt. Mit der Pinzette setze ich das Bund ein, dazu den Trinkhalm. Wer mag, steckt noch eine Fruchtscheibe dazu, denn das Auge trinkt mit.

Warum die Hand beim Jägermeister stockt

Rum und Kräuterlikör zu gleichen Teilen: Das lässt jeden zögern, der die Menge sieht. Ein Blick aufs Etikett erklärt, warum es funktioniert. Jägermeister hat 35 Prozent, der Rum 43. Der Likör bringt also Aroma und Süße mit, während der stärkere Rum ihn einbindet.

Dazu gehören beide derselben Aromenfamilie an: dunkle Süße, Vanille und Gewürz auf der einen Seite, Kräuter und Wurzeln auf der anderen. Zimtsirup, Maracujasirup und Pimentlikör greifen genau die Töne auf, die im Jägermeister stecken, heben sie an und halten den Drink im Gleichgewicht. Deshalb verträgt er die gleiche Menge, ohne zu kippen.

Dass die Hand trotzdem stockt, liegt an der Erinnerung, nicht am Geschmack. Bei vielen von uns war der Kräuterlikör früher eins: eiskalt im Zweistöckigen, spät in der Nacht. Die Profis, vor allem in den USA, haben ihn längst neu einsortiert. Im klassischen Kanon der Bar hat er es schwer, weil dort jede Position besetzt ist und er obendrein den Drink färbt. Tiki lässt beide Einwände fallen: Crushed Ice, Minze und Halm lenken das Auge ab, die Farbe ist zweitrangig. Von allen Formen des American mixed drink hat Tiki die größten Freiheitsgrade, und genau deshalb funktioniert der Meisterplan.

Einordnung: acht Zutaten, eine Schnittmenge

Acht Zutaten sind fast typisch für Tiki, und das schreckt klassische Bartender manchmal ab. Wer das Rezept überfliegt, sieht erst einmal Zucker, Zucker, Zucker. Dahinter steckt aber ein Plan.

Die beiden Basen, Rum und Jägermeister, passen ideal zusammen. Beide haben verschiedenste Zutaten, teilen aber eine Schnittmenge aus zwei Aromen: Vanille und Karamell. Haben zwei Hauptdarsteller eine solche Schnittmenge, rückt sie im Glas nach vorn. Chris Summers, der den Drink bekannt gemacht hat, suchte dazu weitere Stimmen, die mit Vanille und Karamell zusammenklingen, und nahm etwas Tropisches, die Passionsfrucht, um den Tiki-Charakter aufzufangen. Die Grenadine gibt Farbe und stellt eine fruchtige Note dagegen.

Ohne den Zimtsirup ginge die Harmonie auf der Vanille verloren; der Zimt verstärkt sie. Der Pimentlikör macht den Jägermeister schmeckbar, ohne dessen Bitterkeit nach vorn zu holen. Daher stammt auch die viele Süße: Sie sorgt dafür, dass das Bittere aus dem Jägermeister auch beim langsamen Trinken nicht die Oberhand gewinnt. Das Ergebnis ist ein Potpourri der Genüsse, ein Stück tropische Weihnacht im Tiki-Becher.

Woher kommt der Meisterplan?

Der Meisterplan ist ein junger Drink. Zum ersten Mal tauchte er auf dem YouTube-Kanal Polynesian Pop auf; bekannt wurde er 2022, als Chris Summers ihn bei Cocktail Fridays vorstellte, als Verbindung aus Jägermeister und Tiki.

Was er aufgreift, ist deutlich älter, und zwei Traditionen machen ihn möglich, die nichts voneinander wussten. Die eine stammt aus Wolfenbüttel: Dort stellte Curt Mast 1935 einen Kräuterlikör mit 56 Zutaten vor, gedacht für sich allein, kalt und pur im kleinen Glas. Als Zutat in einem gemischten Drink war er nicht vorgesehen.

Die andere stammt aus Hollywood. 1933 endete die Prohibition, und Donn the Beachcomber eröffnete sein Restaurant. Sein Beitrag war die Idee eines Raums, der einen entführt: Palmen, Bambus, gedämpftes Licht, ein Filmset zum Hineingehen, wie es der Tiki-Kurator Sven Kirsten beschreibt. Verkauft wurde der Moment, in dem der Alltag vor der Tür bleibt. Die Drinks entstanden im Team: Seine „Fabulous Five“ von den Philippinen entwickelten sie über Jahre mit ihm hinter dem Tresen. Dass dabei viel Rum ins Glas kam, hat einen nüchternen Grund, denn nach dem Ende der Prohibition war er günstig zu haben. Gearbeitet wurde trotzdem mit dem ganzen Regal, mit Gin, Whisky und Brandy.

Geblieben ist von dort ein Prinzip: Ein Tiki-Drink gewinnt seine Tiefe aus der Kombination, nicht aus einer einzelnen Flasche. Genau das macht der Meisterplan. Er nimmt den Platz, an dem in einem Tiki-Drink üblicherweise die zweite Spirituose steht, und setzt einen deutschen Kräuterlikör ein: zwei Basen, ein Prinzip aus Hollywood, eine Flasche aus Niedersachsen, ein Rezept aus dem Netz.

Wie schmeckt er?

Über dem Glas steht zuerst die Minze, auch in der Nase sehr präsent. Im ersten Moment meldet sich Fruchtigkeit, dann folgt das Gewürzpotpourri. Der Jägermeister verbindet sich durch seine Kraft mit dem Rum: Vanille, Zimt, die Nelkennote aus dem Piment, dann wieder Frucht im feinen Wechsel. Nicht zu süß, ausgewogen, zart auf der süßen Seite.

Der erste Schluck kommt kühl und weich, dann schiebt sich nach und nach die Würze nach, warm und rund. Die Säure ist nicht herauszuschmecken; sie dient als Motor, der verhindert, dass der Drink ins Süße kippt. In der Mitte übernehmen die Kräuter, Anis und Süßholz treten nach vorn, dazu verschiedene Wurzeln, immer im Verbund mit Frucht und Rum. Der Nachhall bleibt lang und warm, Gewürz und Kräuter klingen aus, und dazwischen meldet sich ein Hauch fruchtiger Bitterkeit. Mit schmelzendem Eis wird der Drink zugänglicher, bleibt aber gehaltvoll und wird nie wässrig.

Meine Wertung

Meine persönliche Bewertung: eine klare 10 von 10.

  • Kreative Leistung: 4 von 5. Die geteilte Basis ist mengengleich, und das Rezept fängt den Zucker des Likörs sauber ab; der Aufbau darunter bleibt ein klassischer Tiki-Drink.
  • Zutatenbeschaffung: 2 von 3. Jägermeister, Rum, Maracujasirup und Grenadine stehen in jedem gut sortierten Markt. Allspice Dram und Zimtsirup brauchen Fachhandel, Versand oder eigene Herstellung; ein selbst angesetzter Pimentlikör braucht über zwei Wochen.
  • Reproduktion: 2 von 4. Acht Positionen müssen sauber abgemessen werden, und den Allspice Dram passt du an: Fang mit einem halben Zentiliter an und gib tropfenweise nach, denn jeder Pimentlikör ist anders. Die Methode bleibt einfach: schütteln, abseihen, Minze drauf.

Bei Zutatenbeschaffung und Reproduktion gilt: je niedriger die Zahl, desto einfacher.

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