Tiki ohne Rum? Der I Should Coco von Zac Overman zeigt, dass das funktioniert. Statt Rum trägt eine Verbindung aus Bourbon, mit gerösteter Kokosnuss infundiertem Süßwermut und spritzigem Schaumwein diesen Drink. Damit hebt er sich deutlich von klassischen Tiki-Rezepturen ab und schlägt eine Brücke zwischen Oldschool und Tiki. Du erlebst die Wärme gerösteter Kokosnuss, die Fruchtigkeit der Passionsfrucht und den erfrischenden Kontrast eines prickelnden Finishs. Ich zeige dir, wie ich die Kokos-Infusion ansetze, wie ich den Drink mixe und warum er für mich ein Manifest für die nächste Entwicklungsstufe des Tiki ist.
Zac Overman und die New Tiki Vanguard
Zac Overman ist die kreative Seele hinter dem I Should Coco. Seine Reise in die Welt der tropisch inspirierten Drinks begann in New York, wo er zusammen mit seiner Frau Cat private Tiki-Nächte veranstaltete. Aus diesen Treffen entwickelte sich ein wöchentliches Pop-up in Brooklyn, das im Umfeld des Sunken Harbor Club steht. Dieses Projekt gilt heute als ein Baustein der sogenannten New Tiki Vanguard, jener Generation von Bartendern, die Tiki nicht als nostalgisches Revival betreiben, sondern als lebendiges Spielfeld, auf dem Tradition und Innovation Hand in Hand gehen.
Overmans Umzug nach Seattle markierte den nächsten Schritt. Im L’Oursin, einem französisch inspirierten Restaurant, führte er eine neue Art tropisch gefärbter Drinks ein, die nicht ausschließlich auf Rum basierten. Stattdessen kamen Liköre, Brandy und vor allem Rhum Agricole und Bourbon zum Einsatz, immer verbunden mit einem spielerischen Ansatz, der die Grenzen des Genres erweiterte.
Der I Should Coco ist genau in diesem Geist entstanden. Er löst sich vom klassischen Rumfundament und verbindet tropisches Aroma, französische Aperitifkultur und amerikanische Whiskeytradition. Damit verkörpert er die Haltung der New Tiki Vanguard: weg von der bloßen Reproduktion historischer Rezepte, hin zu einem zeitgemäßen Verständnis, das handwerkliche Präzision, kreative Freiheit und kulturelle Vielfalt vereint.
Die Zutaten
Für den I Should Coco brauchst du einen Bourbon. Ich werde oft gefragt, welchen Bourbon ich empfehle. Für diesen Drink ist ein Four Roses Yellow Label vorgeschlagen, ich greife hier zum Allrounder Buffalo Trace. Dazu kommen frisch gepresster Zitronensaft, ein trockener Schaumwein und ein Passionsfruchtsirup. Den stelle ich selbst her, und das ist einfach: Passionsfrucht über 60 °C reduzieren, etwas Vanille dazu, die 1,25-fache Menge an Zucker, und schon habe ich gefühlt den besten Passionsfruchtsirup der Welt. Die wichtigste Zutat ist der mit Kokosnuss infundierte Süßwermut, den du einen Tag vorher ansetzt.
Die Kokos-Infusion
Für die Infusion brauchst du 40 g Kokosflocken, eine Pfanne, einen Löffel zum Wenden, einen roten Wermut, eine leere 0,33-l-Flasche und einen Trichter. Die Pfanne heiß machen, die Kokosflocken komplett hineingeben und von Anfang an wenden, denn sie nehmen schnell Farbe an. Sie sollen nicht schwarz werden, sondern nur zart goldbraun. Am Rand ist die Pfanne heißer, dort werden die Flocken zuerst braun, also aufpassen und die Flocken großflächig verteilen. Sobald du die Kokosnuss riechst und die Raspel ein schönes Goldbraun haben, Hitze aus. Dann die heißen Flocken über den Trichter in die Flasche füllen. Bei einer großen Pfanne vorsichtig sein, sonst geht die Hälfte daneben. Danach die Flasche mit dem Wermut auffüllen, verschließen und 24 Stunden stehen lassen. Ich stelle sie dafür in den Kühlschrank. Ich habe die Kokosflocken bewusst in der Flasche gelassen, deshalb brauchst du später beim Abseihen ein Feinsieb.
Warum röste ich die Flocken und gieße den Wermut erst danach in der Flasche dazu, statt ihn in der Pfanne abzulöschen? Der Wermut hat 17 % vol. In der heißen Pfanne wäre der Alkohol weg, und jede Menge Aromen würden verloren gehen. Ich will nur, dass das Röstgut warm in die Flasche kommt und ein paar Röstnoten mitbringt, denn ein warmer Ansatz gibt die Aromen deutlich lieber ab. Wichtig: Der rote Wermut sollte frisch geöffnet sein, damit wirklich das volle Aroma drin ist.
Das Rezept
Zuerst kommen Eiswürfel in den Shaker, das Oberteil setze ich oben drauf. So kühle ich die Zutaten vor, ohne Schmelzwasser zu produzieren. Das übrige Eis brauche ich später als Crushed Ice für das Glas und bereite es schon vor. Als Glas nehme ich einen schönen alten Cognac-Snifter, der in den USA gerade wieder total angesagt ist.
Ich beginne wie immer mit der dickflüssigsten, süßesten und alkoholfreien Zutat: 2,25 cl Passionsfruchtsirup. Der Sirup ist zäh, deshalb nutze ich die Seite des Messbechers für die folgenden Zutaten mit, damit wirklich alle Süße im Shaker landet. Dann kommen 1,5 cl Zitronensaft, 3 cl Bourbon und 9 cl Süßer Wermut mit gerösteter Kokosnuss dazu. Alles aufs Eis geben, Shaker schließen und kräftig shaken. Mit einem Strainer und einem Feinstrainer ins Glas abseihen, damit keine Kokosflocken zwischen den Zähnen landen. Das Glas richtig voll mit Crushed Ice füllen und 1 Stück Zimtstange in das Eis stecken. Zum Schluss kommen 6 cl trockener Schaumwein dazu, bis das Glas einen Finger breit unter dem Rand gefüllt ist. Darüber kommen 3 Strich Muskatnuss, frisch gerieben. Dann 1 Scheibe Zitrone oder Orange auflegen und dahinter 4 Zweig Minze als Büschel leicht ins Eis stechen. Zum Schluss einen Trinkhalm dazu.
Für die Feuerteufel unter euch: Die Zimtstange kannst du auch leicht anbrennen. Der Schaumwein hat noch richtig Wumms und holt über die Kohlensäure nach und nach alles nach oben. Wenn du von unten nach oben trinkst, entdeckst du den Drink Schluck für Schluck.
Zum Schaumwein noch ein Detail: Sein Stopfen ist ein neues Patent, das in diesem Jahr auf der ProWein vorgestellt wurde. In der Mitte sitzt der typische klare Stopfen, der sich außen festkrallt und in der Mitte ein Loch hat. Strömt die Kohlensäure aus der geöffneten Flasche nach oben, fließt das Gas in diesen Stopfen und weitet ihn aus, sodass die Flasche dicht bleibt. Ein cooles Patent, das man öfter verwenden könnte.
Die Kokosnuss als Werkzeug
Klassische Tiki-Drinks stellen Rum in den Mittelpunkt, sind fruchtig, opulent und groß. Der I Should Coco bricht bewusst mit dieser Tradition und öffnet das Feld für neue Spieler. Besonders interessant ist die Rolle der Kokosnuss. Sie bietet Möglichkeiten, die weit über Kokossirup oder Cream of Coconut hinausgehen. Geröstete Kokosflocken entfalten in Infusionen und Likören einen intensiven, warmen Geschmack, wie dieser Drink mit dem Süßwermut zeigt. Spirituosen lassen sich durch Kohle aus der Kokosschale filtern: Whiskey oder Rum gewinnen dabei eine runde, weiche Textur und nehmen subtile nussige Aromen an. Auch die Kokosmilch findet ihren Platz in Drinks, in cremigen Varianten oder beim Milk Washing. So wird die Kokosnuss zu einem universellen Werkzeug, das nicht nur süß ist, sondern Tiefe in klassische Rezepte bringt und neue Geschmacksfacetten eröffnet.
Meine Bewertung
Ich bewerte immer in drei Teilen. Den kreativen Stil von Zac Overman bewerte ich mit einer klaren Fünf von fünf. Der Drink ist eine außergewöhnliche Neuinterpretation und liegt genau in der Zwischenwelt zwischen Tiki und Classic Drink, ein schöner Brückenschlag. Der kokosinfundierte Wermut stellt den Hauptanteil, der Bourbon ist nur der Kraftgeber, dazu kommen Schaumwein, Zitrusfrucht und Passionsfrucht. Das ist nicht nur innovativ, sondern ein bewusstes Statement gegen die klassische Rumdominanz. Die Idee, die Kokosnuss als aromatisches Werkzeug für eine Infusion einzusetzen, hebt den Drink auf ein anderes Level in der modernen Barkultur.
Die Schwierigkeit liegt bei Level zwei von drei. Es kommt darauf an, die Infusion vernünftig hinzukriegen und die Mengen genau abzustimmen. Mit meinen Mengenangaben dürfte das passen. Aber Wermut ist nicht gleich Wermut: Nimmst du einen anderen, musst du entsprechend austarieren. Die Kokosnuss darf nicht zu dominant sein, der Wermut aber auch nicht. Wichtig ist, dass es ein Süßwermut ist, also ein roter Wermut. Für Anfänger machbar, verlangt allerdings Geduld.
Beim Bar-Level sind wir bei zwei von drei. Bourbon, Schaumwein und Zitrusfrüchte sind kein Thema. Der Feld-, Wald- und Wiesenwermut aus dem Supermarkt ist an dieser Stelle aber vielleicht nicht das, was du brauchst. Ich habe hier einen Lustau Vermut Rojo genommen, für diese Marke arbeite ich. Damit habe ich eine spanische Komponente drin, und das passt ziemlich gut. Geh in den Fachhandel und schnupper mal, was es außer dem Martini Rosso noch gibt. Die Kosten bleiben überschaubar und liegen im mittleren Segment.
Wie er schmeckt
In der Nase habe ich Muskatnuss, Zitrus und Minze. Der Drink hat eine wunderschöne Wärme vom Wermut, das Wermutkraut liegt aber hinten. Die Kokosnuss ist da, aber nicht dominant wie bei anderen Tiki-Drinks. Der Bourbon hebt das Ganze nur an und unterstützt den Süßwermut. Der Drink wirkt eher wie ein aromatischer Rotwein mit leckeren Kräutern und Gewürzen und passt genau in die aufkommende Herbstzeit. Nach einer Weile kommt das Prickeln vom Schaumwein dazu. Ein super toller Drink.
Warum dann nur eine 9,5 von zehn? Ich glaube, ich hätte einen kräftigeren Bourbon nehmen sollen, einen Heaven’s Door oder einen Eagle Rare. Das liegt an meiner Wahl, der Drink an sich ist super fein.
Fazit
Der I Should Coco zeigt eindrucksvoll, wie die New Tiki Vanguard alte Strukturen aufbricht und neue Aromenwelten erschafft. Zac Overman beweist, dass Kokos kein tropisches Klischee sein muss, sondern ein vielseitiges Werkzeug ist, das Drinks in eine neue Dimension heben kann, wenn man nicht nur mit Süße spielt, sondern mit der Balance zwischen Süße und dem Kokosaroma. Der Drink ist gar nicht kokoslastig, die Kokosnuss bleibt die ganze Zeit warm und dezent im Hintergrund. Solche Kreationen machen deutlich, warum die Welt der Getränke niemals stehen bleibt und sich immer neu erfindet, auch wenn sie das Rad nicht runder macht. Probier ihn aus. Cheers und neugierig bleiben.