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The Best Year – ein preisgekrönter 70er Jahre Drink

18. November 2025 · Jörg Kalinke · 8 Min. Lesezeit

The Best Year ist ein preisgekrönter Drink aus den 1970ern, den ich im Buch Beachbum Berry Remixed gefunden habe. Ein Blender-Drink aus einem Coffeeshop in Kalifornien, der die nationale Bartender-Championship gewann: Für mich ist er ein Zeichen seiner Zeit, weil er tropische Barkultur, internationale Liköre und die Blendertechnik der 70er in einem Glas zusammenbringt. Er steht für die Phase, in der die Barszene begann, neue Produkte und Aromen wie selbstverständlich einzubauen. Damit kam der Stein ins Rollen, der dazu geführt hat, dass die Backbar heute so vielfältig aussieht wie nie zuvor. Daraus entwickelte sich ein eigener Stil, und es begann eine wilde Zeit, was die Mixturen angeht.

Bobby Batugo und der Coffeeshop in Valencia

Entwickelt hat The Best Year 1975 Bobby Batugo, ein Barkeeper aus Valencia, Kalifornien, der im Coffeeshop Tipps arbeitete. Batugo war zu dieser Zeit bereits eine feste Größe in der amerikanischen Barszene. Vier Siege in sieben Jahren bei Wettbewerben der US Bartenders Guild belegen, wie gut er bekannte Strukturen aufbrechen und mit mutigen Kombinationen neue Geschmacksbilder schaffen konnte.

Der Drink entstand in einem Umfeld, das offen für internationale Einflüsse war und zugleich die Leichtigkeit tropischer Drinks bewahrte. Diese Mischung aus Tradition und Aufbruch prägt seinen Charakter und erklärt, warum ein Blender-Drink aus einem Coffeeshop die nationale Championship gewinnen konnte. Am Ende der 70er blieb dieses Bild dann stehen und entwickelte sich bis Anfang der 2000er kaum weiter.

Ein Spiegel seiner Epoche

Die Tiki-Welle hatte die amerikanische Barkultur geprägt, gleichzeitig kamen neue internationale Liköre auf den US-Markt. Batugo kombinierte tropische Elemente wie Ananas mit modernen Likören wie Licor 43 und dem bunten Zeitgeist des Blue Curaçao. Dazu nahm er, was er im Coffeeshop hatte: Rose’s Lime Cordial. Als neutrales Fundament kommt Wodka dazu. Diese Mischung traf den Zeitgeist: froh, offen für Neues und getragen von dem Wunsch, Grenzen spielerisch zu verschieben. Der Drink lebt von der Balance aus Frucht, Süße und frischer Säure, die im Blender zu einer cremigen, eisgekühlten Textur verbunden wird.

Rose’s Lime Juice war damals der Klassiker, einen Mitbewerber gab es nicht. In Deutschland bekommst du Rose’s im Moment nicht, nach meinem Stand hat die Coca-Cola Company den Vertrieb hier eingestellt. Ich nehme deshalb einen anderen fertigen Lime Juice. Warum damals Wodka genommen wurde, hat historische Gründe. Wer die genauer wissen möchte, dem empfehle ich die Serie Mad Men, die das über mehrere Staffeln ziemlich genau erklärt.

Das Rezept

Bevor das Eis ins Spiel kommt, gebe ich alle Zutaten in den Blenderbecher. Crushed Ice hat eine große Oberfläche und würde den Drink vorzeitig verwässern, das will ich am Anfang vermeiden. Die Reihenfolge ist egal, massiv gesüßt sind hier nur die beiden Liköre. Das Originalrezept rechnet in Unzen, ich runde auf glatte Zentiliter.

In den Blenderbecher kommen 7 cl Wodka, 2,5 cl Blue Curaçao, 2,5 cl Licor 43, 2,5 cl Lime Cordial und 9 cl ungesüßter Ananassaft. Dazu gebe ich 4 Schaufeln Crushed Ice und fülle den Rest des Crushed Ice direkt ins Gästeglas. Kurz durchblenden und über das Eis ins Glas gießen. Garniert wird mit einem eingeschnittenen Limettenstück am Glasrand, etwas Minze, einer Blüte und einem Trinkhalm.

Ein hohes oder ein tiefes Glas, beides ist möglich. Ich habe ein Glas gewählt, das ein bisschen nach Tiki aussieht und dann doch wieder nicht. Den Trinkhalm lege ich mir vorher bereit, auch die Limette schneide ich vorab: Ich nehme bewusst das obere Ende, damit die Schnittkante schön ist, und schneide es ein, damit ich es nachher nur noch auf den Glasrand setzen muss. Typisch für die 70er wären zusätzlich Cocktailkirschen und eine Minzspitze, ein massiv überfrachteter Drink nach oben. Kann man machen, muss man nicht. Die Minze setze ich mit der Pinzette, damit ich nicht mit den Fingern in den Drink fasse.

Dass das Eis für den Blender und das Eis im Gästeglas dasselbe ist, hat seinen Grund in der Zeit. Heute trennen wir an der Bar zwischen Gästeeis und Mixeis, damals wurde da nicht groß unterschieden. Die Diskussionen um Physik und Eistemperatur gab es noch nicht. Nach dem Eingießen ist der Drink zart grün. Ich warte, bis das Eis nach oben gekommen ist, und garniere dann.

Die Geburtsstunde der farbigen Liköre

Die 1970er markierten eine Phase, in der die amerikanische Barszene, und nicht nur die, ein neues Verhältnis zu Farbe, Präsentation und internationalen Produkten entwickelte. Genau hier begann der Aufstieg der farbigen Liköre. Blue Curaçao, im Kern ein Likör auf Basis von Curaçao-Orangen, wurde zum Symbol der modernen Bar. Seine Farbe war kein Zufall, sondern Ausdruck eines Trends, der sich über Gastronomie, Popkultur und Produktdesign erstreckte. Drinks sollten nicht nur schmecken, sondern ins Auge fallen. Hersteller arbeiteten bewusst mit intensiven Tönen, weil Farbe direkt auf die Emotionen wirkt. Blau stand für Exotik, Wasser und Ferne, ein idealer Imageträger. Das helle Grün dieses Drinks erinnert an die Gischt vor einem hellen Strand. Es transportierte die Idee tropischer Welten weiter, auch wenn die Hochphase von Tiki da schon vorbei war.

Liköre wie Blue Curaçao verbanden zwei entscheidende Elemente der Zeit: ein aromatisches Zitrusprofil und eine starke visuelle Aussage, die sofort Neugier weckte. Parallel dazu wurde die Barkultur selbst zunehmend visuell gedacht. Wettbewerbe, Hotelbars und moderne Restaurants setzten farbintensive Drinks und passende Dekorationen ein, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Bartender wie Bobby Batugo verstanden schnell, wie wirkungsvoll diese neuen Produkte waren. Im Zusammenspiel mit tropischen Säften und hellen Spirituosen konnte ein Drink wie The Best Year geschmacklich überzeugen und zugleich eine visuelle Identität entwickeln, die zum Zeitgeist passte.

So steht der Drink für den Moment, in dem Farbe zum zentralen Gestaltungselement wurde: ein Werkzeug, das Geschichten transportierte, Erwartungen formte und einen Drink in Sekundenbruchteilen definieren konnte. Die Geburtsstunde der farbigen Liköre war damit technische Innovation und kulturelle Bewegung zugleich, und sie prägte die amerikanische Barästhetik nachhaltig. Es gab übrigens nicht nur Blue Curaçao, sondern auch Orange, Grün und Rot, alle Farbnuancen des Regenbogens. Fehlte eine Farbe im Curaçao-Sortiment, nahm man einen Likör, der farblich passte, und baute den Drink darum herum. Parfait Amour und Crème de Violette sind ebenfalls Zeichen dieser Zeit.

Meine Einordnung

Ich bewerte jeden Drink nach drei Kriterien. Die kreative Idee zeigt, wie originell ein Drink aufgebaut ist und ob er seinen Charakter aus Innovation, geschichtlichem Kontext und bewusst gewählter Aromatik zieht. Der Schwierigkeitsgrad zeigt, wie viel Technik, Timing und Präzision du brauchst und ob der Drink auch mit kleiner Ausstattung machbar ist. Die Zutatenverfügbarkeit sagt dir, wie leicht du an die Produkte kommst, ob im Supermarkt, im Fachhandel oder im Spezialsortiment.

Batugo kombinierte tropische Klassiker mit damals neuartigen Likören und schuf einen Drink, der die farblichen und geschmacklichen Trends seiner Zeit aufgreift. Das Zusammenspiel aus Ananas, Likören, Lime Cordial und Wodka zeigt eine klare Handschrift: mutig, offen für internationale Aromen und strukturiert durch das Blenden. Heute wäre dieser Drink zart zu sprittig und fände heute weniger Freunde als damals. Deshalb gibt es für die kreative Idee eine Vier von fünf.

Der Schwierigkeitsgrad ist klar Level eins. Alle Zutaten kommen in den Blender, und selbst kleine Abweichungen im Verhältnis zwischen Flüssigkeit und Eis verändern die Grundstruktur kaum. Der Drink gelingt ohne Vorerfahrung und mit minimaler Ausstattung. Wenn du keinen Blender hast, nimm die Küchenmaschine. Weil ohnehin Crushed Ice ins Gästeglas kommt, passt das.

Auch bei der Zutatenverfügbarkeit gibt es die bestmögliche Einstufung, Level eins. Ananassaft, Blue Curaçao, Wodka und Licor 43 stehen im Standardsortiment nahezu aller Supermärkte. Ein Lime Cordial ist ebenfalls zu finden, im Handel oder ohne großen Aufwand online. Damit ist der Drink ohne besondere Vorbereitung sofort umsetzbar.

Wie er schmeckt

Meine persönliche Bewertung liegt bei achteinhalb von zehn. Selbst mit etwas Schmelzwasser wirkt er zart sprittig. Wer jetzt sagt, er schmecke den Alkohol vom Wodka heraus: Nein, du schmeckst den Charakter des Wodkas. Er ist nicht scharf, er wirkt nur ein bisschen sprittig. Ich hätte statt des Lime Cordials auf frischen Limettensaft und Zuckersirup gesetzt. Den hatte Batugo damals nicht, er arbeitete in einem Coffeeshop und war froh, überhaupt Rose’s Lime Juice zu haben.

Der Drink ist einwandfrei machbar, und er ist tropisch. Die Ananas kommt heraus, vom Blue Curaçao die Orange, dazu eine leicht honiglastige Note und die Kräuter vom Licor 43. Eine klare Achteinhalb von zehn, ein sehr guter Drink. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Fazit

The Best Year zeigt, wie lebendig die amerikanische Barkultur der 1970er war: geprägt von Experimentierfreude, internationalen Einflüssen und einem neuen Verständnis von Präsentation. Der Drink vermittelt das Gefühl einer Zeit, in der Mut belohnt wurde und Wettbewerbe als Labor für neue Ideen dienten, anders als manche Wettbewerbe heute. Wer ihn mixt, erlebt einen Moment, in dem Geschichte, Aroma und Technik zusammenfinden und eine kleine Geschichte erzählen, die Lust auf Bewahren und Weiterdenken macht. Neugierig bleiben.

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