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London Calling: der Gin Sour mit Fino Sherry

10. Juni 2026 · Jörg Kalinke · 5 Min. Lesezeit

Es gibt Drinks, die auf dem Papier zunächst wie ein Fehler wirken: Gin, Fino Sherry, Zitronensaft, Zuckersirup, Orange Bitters. Sherry in einem Gin-Drink, im Jahr 2002, als er noch der Stoff war, den sich die Oma zum Sonntagskuchen gönnte? Genau das hat Chris Jepson gemacht, im Milk & Honey in London, einer Bar, die dank ihrer New Yorker Mutterbar schon legendär war, bevor die meisten überhaupt wussten, dass es sie gibt. Der Drink, den er dort erfand, ist seitdem nie von der Karte verschwunden. In den aktuellen Top 100 von Simon Difford steht der London Calling als Neueinsteiger auf Platz 83. Ein moderner Klassiker, der beweist, dass die besten Ideen kommen, wenn man sich traut, eine Zutat in einen Kontext zu stellen, in dem sie scheinbar nichts verloren hat.

Einordnung

Spannend am London Calling ist der Fino Sherry: trocken, nussig, mit einer feinen Salznote und einer leicht oxidativen Note, einem Hauch von kontrolliertem Luftkontakt. In einem Gin-Drink war das bis dahin undenkbar, und Zitrus neben Fino klingt nach Konflikt. Jepson hat es trotzdem hinbekommen. Die Orange Bitters sind der Legostein, der alles zusammenhält: Sie verbinden die pflanzliche Tiefe des Gins mit der mineralischen Schärfe des Sherrys. Wer den Drink einmal getrunken hat, versteht, warum er 2002 wie ein kleines Erdbeben durch die Londoner Barszene ging.

Das Rezept

Bei diesem Drink macht die Qualität der Zutaten mehr aus als jede Technik. Mit billigem Gin und einem Discount-Sherry bekommst du etwas Merkwürdiges.

  • 5 cl London Dry Gin
  • 1,5 cl Fino Sherry
  • 1,5 cl Zitronensaft, frisch gepresst
  • 1,5 cl Rich Syrup (2:1)
  • 2 Dashes Orange Bitters
  • Garnitur: ausgedrückte Orangenzeste

Ich verwende den Fino Jarana von Lustau und beim Gin den Greenall’s Distiller’s Cut mit 44 % vol, zum Süßen einen Gomme-Sirup von Giffard. Alternativ passt ein Tanqueray; wer es breiter aufgestellt und weniger nussig mag, nimmt den Fino Tío Pepe.

Die Zubereitung

  • Shaker vorbereiten: Eis in den Shaker, damit die Zutaten von Anfang an gekühlt werden.
  • Glas vorkühlen: Als Gästeglas dient eine Coupette, eine Champagnerschale, mit Eis gefüllt zum Vorkühlen.
  • Zutaten einfüllen, wie immer beginnend mit der klebrigsten Zutat ohne Spirituose: Sirup, Fino, Zitronensaft, Gin. Im Prinzip ist das ein Gin Sour.
  • Schmelzwasser abgießen, ein paar Millimeter waren es, dann den Shaker schließen.
  • Schritt zurück, umdrehen und kräftig schütteln, bis der Shaker außen fast gefrostet ist.
  • Das vorgekühlte Glas leeren, die zwei Dashes Orange Bitters hineingeben und den Drink doppelt abseihen, denn Eissplitter sollen nicht ins Glas.
  • Mit der vorgeschnittenen Orangenzeste abschließen.

Tasting und Bewertung

In der Nase vorn frischer Zitrus, darunter die komplexe, nussige Tiefe des Fino, dann die Gin-Aromen im Hintergrund. Insgesamt ein sehr komplexer Drink.

Der erste Schluck: vorn die spitze Zitrusfülle, dann die trockene, leicht salzige Fino-Note mit nussigem Gaumen. Das ist die Überraschung, die den Drink ausmacht. Dann zieht sich alles zusammen, und die Botanicals verbinden sich noch einmal mit der Zitrone. Der Nachhall ist lang und trocken, mit einem Hauch Bitterkeit, sehr sauber und sehr leicht.

Meine Wertung: eine ehrliche 8,5 von 10.

  • Kreative Leistung: 4 von 5. Fino Sherry im Gin Sour war mutig und hat Bestand bewiesen.
  • Reproduktion: 2 von 4. Technisch lösbar, aber der Fino will beschafft werden und sollte nach dem Öffnen rasch verbraucht werden.
  • Verfügbarkeit: 2 von 4. Fino Sherry gibt es im Fachhandel und online, Lustau wie Tío Pepe sind gut zu bekommen, im Discounter eher selten.

Bei Reproduktion und Verfügbarkeit gilt: je niedriger die Zahl, desto einfacher.

Die 8,5 ist verdient und macht den London Calling zu einem Drink auf Top-Niveau. Was Jepson hier gemacht hat, funktioniert heute genauso wie 2002. Der Drink hat eine seltene Eigenschaft: Er ist komplex genug, um Barbegeisterte zu fesseln, und zugänglich genug, um normale Gäste mitzunehmen. Der Fino bringt eine Dimension mit, die du in keinem anderen Gin Sour findest, diese nussige, leicht oxidative Note, die die Zitrusfülle erdet. Was ihn von einer 9 oder 9,5 abhält: Fino Sherry ist keine Alltagszutat in der Heimbar. Wer keine halbe Flasche in zwei Wochen verbraucht, kauft besser kleinere Flaschen; Halbflaschen gibt es, die Suche lohnt sich.

Geschichte und Herkunft

Bevor es um Jepson geht, ein Schritt zurück zu Dick Bradsell. Er ist für diese Geschichte zentral, auch wenn er den London Calling nicht erfunden hat. Bradsell legte in den 1980er-Jahren in London das Fundament, auf dem die gesamte moderne britische Barkultur steht: frischer Saft, Qualitätszutaten, handwerkliche Sorgfalt. Im England der frühen 1980er war das alles andere als Standard. Der Barbuchautor Gaz Regan nannte ihn den Mann, der im Alleingang das Gesicht der Londoner Barszene verändert hat.

Als Chris Jepson 2002 im Milk & Honey stand, arbeitete er in einem Umfeld, das von Bradsells Erbe geprägt war. Der London Calling ist damit kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Szene, die in den Jahren zuvor gelernt hatte, anspruchsvoll zu denken.

Fazit

Der London Calling hat mich schon beim ersten Mal überrascht. Das ist das Schöne an mutigen Drinks: Du siehst die Kombination auf dem Papier, denkst, das kann nicht funktionieren, und dann nimmst du den ersten Schluck. Fino Sherry lohnt sich hier. Wenn du schon einen hast, mix den London Calling; wenn nicht, besorg dir einen.

Und der Fino hat eine Zweitverwertung: Gut gekühlt bei 7 bis 9 °C trinkt er sich wie ein Weißwein, mit einer ganz leichten Salznote, und passt hervorragend zu einem Salat mit Meeresfrüchten.

Quellen

  • Boothby, The London Calling cocktail: a modern classic: https://www.boothby.com.au/the-london-calling/
  • Kindred Cocktails, London Calling (Chris Jepson): https://kindredcocktails.com/cocktail/london-calling-chris-jepson
  • Difford’s Guide, London Calling: https://www.diffordsguide.com/cocktails/recipe/1184/london-calling
  • MasterClass, How to Make a London Calling Cocktail: https://www.masterclass.com/articles/how-to-make-a-london-calling-cocktail
  • Sipsmith, Dick Bradsell and the Origins of London’s Cocktail Revival: https://sipsmith.com/dick-bradsell-origins-londons-cocktail-revival/
  • Wikipedia, Dick Bradsell: https://en.wikipedia.org/wiki/Dick_Bradsell

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