Shores of Indaal ist ein Whisky-Tiki-Drink zwischen Islay-Rauch und tropischer Frische. Im Glas treffen torfige Noten auf Zitrusfrüchte und die süße Würze von Zimt, und das Ganze erinnert an die Küste von Islay. Dieser Drink ist keine Kopie klassischer Rezepte, sondern eine Neuschöpfung, die Whisky in die Tropen trägt. Das klingt nach einem Widerspruch, aber nur auf den ersten Blick: Aus der Mischung entsteht eine Harmonie, die überrascht und begeistert. Ich zeige dir, wie Whisky und Tiki zusammenfinden, welche Geschichte dahintersteckt und wie ich den Drink mixe.
Matt Pietrek und die Grenzen des Tiki
Der Shores of Indaal stammt von Matt Pietrek, besser bekannt als Cocktail Wonk oder Rum Wonk. Mit seinen tiefgehenden Recherchen und Publikationen beeinflusst er die moderne Tiki-Szene maßgeblich, für mich ist er ein Beachcomber 3.0. Mit diesem Rezept setzt er sich bewusst über die Grenzen des Genres hinweg und holt klassische Cocktails in die Welt von Tiki.
Diese Grenzen liegen traditionell in der starken Fokussierung auf Rum, in der Erwartung süßer und fruchtiger Profile und in der Wiederholung weniger Grundmuster. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass in den 1930er- und 1940er-Jahren rund ein Drittel der Tiki-Drinks nicht mit Rum gemixt wurde. Die Vorstellung einer absoluten Rumdominanz ist also ein Mythos, und genau hier setzt Matt an.
Wichtig ist auch: Der Rum jener Jahre entsprach keineswegs dem heutigen leichten, oft süßlich wirkenden Standard. Er war trocken und rau und wurde so getrunken, wie es die Tradition seines Herkunftsortes vorgab. Es handelte sich vielfach um kräftigere, hochprozentige, charakterstarke Destillate, die Drinks eine ganz andere Tiefe verliehen als heutige Rums. Deshalb ist es reizvoll, den Spirit von Tiki in klassische Drinks einzubauen.
Zwei Scotch Whiskys statt Rum
Statt Rum kombiniert dieser Drink zwei Scotch Whiskys: einen torfigen Single Malt, hier legt Matt einen Laphroaig Select vor, und einen hochprozentigen Blended Scotch, für den er Cutty Sark vorsieht. Cutty Sark ist in Deutschland schwer verfügbar. Dazu ein Disclaimer: Im Portfolio meines Arbeitgebers Schlumberger haben wir zwei passende Whiskys, und genau diese wähle ich aus. Ich bin befangen, aber ich mag beide sehr, und sie passen richtig gut in diesen Drink. Der eine ist ein torfiger Single Malt, der andere ist der Old Perth Original mit 46 % vol, ein Blended Scotch von Morrison ganz in der Tradition klassischer Blended Scotches, mit viel Kraft und einer leichten Sherrynote, die im Drink wieder zur Geltung kommt.
So entsteht ein Fundament, das rauchig, kräftig und herausfordernd ist und eine neue Dimension in tropische Drinks bringt. Der Name Shores of Indaal verweist auf die Bucht Loch Indaal auf der Insel Islay, eine der Wiegen torfiger Whiskys. Damit verbindet Matt die schottische Küstenlandschaft mit der tropischen Bildsprache des Tiki, eine Verbindung, die die New Tiki Vanguard verkörpert: Tradition trifft Experiment, Herkunft trifft Neuinterpretation.
Das Rezept
Diesmal mixe ich nicht bei mir im Keller, sondern direkt auf der Gin and Friends in Nürnberg. Der Shores of Indaal ist ein Whisky Sour, aber mit ein paar ungewöhnlichen Komponenten. Die Zubereitung ist klar strukturiert: Alle Zutaten werden gemeinsam geshakt und über Eis serviert. Statt Zitrone nehme ich Limette, eine kleine Limette ergibt ziemlich genau die benötigte Menge. Der Zimtsirup ist ein doppelter Zimtsirup, also mit sehr viel Zimt und sehr süß.
In den Shaker kommen 2,25 cl Zimtsirup, 3 cl Limettensaft und 1,5 cl Orangensaft, frisch gepresst. Dazu kommen 3 cl torfiger Single Malt Scotch Whisky und 2,25 cl hochprozentiger Blended Scotch Whisky. Vom Eis im Shaker zuerst das Schmelzwasser abgießen, erst dann alle Zutaten aufs Eis geben und kräftig shaken, bis der Shaker so kalt ist, dass du ihn nicht anfassen magst. Das Gästeglas mit Eis ebenfalls vom Schmelzwasser befreien, den Strainer aufsetzen und den Drink auf das Eis abseihen. Zum Garnieren kommt 1 Stück Orangenzeste auf den Drink, die du schön drehst, sie muss nicht schick sein.
Als torfigen Whisky kannst du auch einen Lagavulin oder einen Laphroaig nehmen.
Zimt als Brücke
Für diesen Drink ist neben dem Whisky ein zweites Element entscheidend: Zimt. Kaum eine Zutat verbindet Wärme, Würze und exotische Strahlkraft so stark wie dieses Gewürz. Im Zimtsirup sorgt er für Tiefe und Süße, die dem kräftigen Whisky eine weiche Basis geben.
Dabei ist nicht jeder Zimt gleich. Es gibt grundsätzlich zwei Arten: Ceylon-Zimt liefert feine, fast blumige Nuancen, während Cassia-Zimt mit kraftvollerer Würze auftritt. Schon die Wahl der Sorte beeinflusst also den Charakter des Drinks. Über die Garnitur kann der Zimt eine zusätzliche Dimension entfalten. Eine glimmende Zimtstange zum Beispiel, die Zimtrauch verströmt, greift den torfigen Charakter der Whiskys auf und macht das Aroma olfaktorisch erlebbar. Damit wird Zimt zu einem Element, das Geschmack, Atmosphäre und Sinneseindrücke prägt, und schlägt eine Brücke zwischen Rauch, Frische und tropischer Würze.
Meine Bewertung
Rauch in der Nase, im Mund kommt der Rauch erst hinterher. Ein sehr schöner, gerader Drink. Für mich ist der Shores of Indaal in dieser Kombination mit diesen Spirituosen eine 9,5 von zehn, weil zuerst die Zitrusnoten kommen, sehr deutlich. Der Zimt steht nicht im Vordergrund, sondern bändigt die Wärme des Whiskys, macht sie wärmer, erlebbarer und runder.
Du kannst natürlich auch einen anderen rauchigen Whisky und einen anderen Blended Scotch nehmen, das wäre die experimentelle Variante. Oder du folgst Matts Empfehlung mit Laphroaig Select und Cutty Sark, wenn du sie bekommst. Beim Laphroaig sehe ich kein Problem, beim Cutty Sark schon.
Beim kreativen Teil liegt dieser Drink nahe an Stufe fünf von fünf. Whisky ins Herz eines tropischen Drinks zu setzen, ist eine mutige und hochkreative Entscheidung, die das Spektrum der Tiki-Welt nachhaltig erweitert. Die Schwierigkeit der Umsetzung liegt bei Stufe zwei. Die Technik ist nicht kompliziert, erfordert aber ein gutes Händchen für die Balance, denn Rauchigkeit kann schnell dominieren. Mein Tipp: Gib alle Zutaten in den kleinen Teil des Shakers, rühre um, probiere und prüfe, ob der Rauch oder der Zimt zu sehr heraussticht. Sticht der Zimt heraus, ist zu wenig Rauch drin. Sticht der Rauch heraus, ist zu wenig Zimt drin. Beides kannst du zusätzlich über Orange und Zitrus ausbalancieren.
Die Verfügbarkeit der Zutaten liegt bei Stufe drei von vier. Die verwendeten Whiskys gibt es im Fachhandel und online, Zitrus und Zimtsirup sind einfach zu beschaffen, und den Zimtsirup kannst du auch selbst machen. Insgesamt bewegt sich der Drink damit im höheren Mittelfeld.
Fazit
Der Shores of Indaal ist für mich eine wunderschöne Ergänzung, wenn du keinen normalen Whisky Sour machen möchtest, sondern Lust hast auf eine Flucht aus dem Alltag, hinein in die Karibik. Der Einsatz von Whisky in einem Feld, das lange als Domäne des Rums galt, ist eine moderne Überraschung und zugleich eine Rückbesinnung auf die historische Vielfalt tropischer Drinks. Der Drink beweist, dass Tiki keine starre Kategorie ist, sondern ein Spielfeld für Experimente, für Mut und für kulturelle Brücken. Matt Pietrek verbindet die Küste von Islay mit tropischen Aromen und schafft ein Getränk, das die Fantasie anregt und zum Experimentieren einlädt. Wer Rauch und Tropen zusammen erleben will, findet hier ein starkes Beispiel.