Tequila, Jägermeister, gelber Chartreuse: drei Spirituosen mit eigenem Charakter, und dazu ein ganzes Ei. Als dieser Drink zum ersten Mal auf einer Karte in Melbourne stand, verriet niemand, was drinsteckt. Daneben stand ein einziger Satz: „Diesem Drink begegnest du besser bei Tageslicht als in einer dunklen Gasse.“ Das ist der Death Flip, und er schmeckt samtiger und runder, als die Zutatenliste vermuten lässt. Hier stehen das Originalrezept, die Geschichte dahinter und meine Variante mit einer Krone aus Orangenschaum.
Das Rezept
Das Originalrezept, wie Robert Simonson es in „Modern Classic Cocktails“ abdruckt:
- 3 cl Tequila Blanco
- 1,5 cl gelber Chartreuse
- 1,5 cl Jägermeister
- 1 ganzes Ei, Eigelb und Eiweiß
- 1 Dash Zuckersirup
- Muskatnuss zum Abschluss
Vorgekühlter Shaker, Würfeleis, Strainer, ein Nick & Nora- oder Sourglas.
Der gelbe Chartreuse ist der mildere und süßere der beiden Sorten; der grüne ist kräftiger. Den Jägermeister kennt in Deutschland jeder.
Die Zubereitung
Alle Zutaten kommen mit dem ganzen Ei auf das Eis im Shaker. Shaker schließen, umdrehen und hart schütteln. Im Buch stehen 10 bis 15 Sekunden; ich schüttle, bis sich der Shaker außen nicht mehr anfassen lässt. Dann durch den Strainer ins Glas abseihen und frische Muskatnuss darüberreiben.
Ein Tipp aus der Praxis: Wer eine dichtere Schaumkrone will, schüttelt zuerst ohne Eis, den sogenannten Dry Shake, und danach ein zweites Mal mit Eis. Bei meiner Variante entfällt das, denn dort setze ich eine Krone aus Schaum obenauf.
Warum diese drei zusammenfinden
Als ehemaliger Barmann kenne ich den Reflex: Diese drei Flaschen nebeneinander auf dem Tresen sehen nach einer eigenwilligen Kombination aus. Tequila und Jägermeister kennt man aus Shots, schnell und kurz. Der gelbe Chartreuse ist der milde, blumige im Bunde. Dass daraus ein eleganter, cremiger Drink wird, hat mich beim ersten Mal überrascht.
Das Geheimnis heißt Flip. So nennt man in der Bar die Kategorie der Drinks mit einem ganzen Ei. Das Eigelb macht den Drink samtig, das Eiweiß gibt ihm die Schaumkrone, und zusammen legen sie sich wie ein weicher Mantel um die kantigen Aromen. Fünf Zutaten, ein Shaker, ein Glas: Mehr steckt nicht dahinter, und das Ei macht aus drei Stimmen eine.
Im Glas verteilen sich die Rollen: Das Ei rundet ab, der Tequila gibt Struktur, der gelbe Chartreuse bringt blumige Süße, und der Jägermeister legt die dunkle Kräutertiefe darunter.
Mein Twist: Orangenschaum
Meiner Variante setze ich eine Krone aus Orangenschaum auf. Die Grundlage ist Oleo Saccharum, ein Orangenölzucker; wie du ihn herstellst, zeige ich in einem eigenen Video.
- Xanthan zuerst mit einem Schuss Jägermeister Orange verrühren, der Orangenvariante mit 33 Prozent. Xanthan ist ein pflanzliches Bindemittel, und das Ethanol verteilt es, damit es später im Wasser glatt aufgeht.
- Methylcellulose mit dem Stabmixer in kaltes Wasser einarbeiten. Die beiden Verdicker halten die Krone über Stunden stabil.
- Dann alles zusammenführen: Oleo Saccharum, Zitronensäure für die Balance, die Xanthan-Jägermeister-Mischung und das Methylcellulose-Wasser. Kurz durchmixen und absieben.
- Die Masse in den Sahnesiphon füllen, mit einer Kapsel begasen, schütteln und zwei bis drei Stunden im Kühlschrank durchziehen lassen.
Die Menge reicht für 10 bis 12 Drinks. Pur probiert ist der Schaum orangig, leicht herb und zart sauer; spannend, weil der Drink selbst keine Säurekomponente hat. Auf den fertigen Death Flip kommt die Orangenkrone, darüber wieder frische Muskatnuss. Das ist der Death Flip 2.0.
Woher kommt der Death Flip?
Die Geschichte ist jung und gut belegt. Melbourne, Australien, 2010: In der Bar Black Pearl arbeitet ein junger Barmann namens Chris Hysted-Adams. Er mixt sich einen Drink aus genau den Dingen, die er am liebsten trinkt. Später hat er es so erzählt: Als junger, leicht zu beeindruckender Barmann trank er am liebsten Tequila, Jägermeister und Chartreuse, also warf er alle drei zusammen und band sie mit einem Ei.
Auf der Karte blieben die Zutaten verschwiegen. Wer fragte, blieb im Dunkeln; daneben stand nur der Satz mit dem Tageslicht und der dunklen Gasse.
Der Name stammt aus dem Skateboarden. Hysted-Adams nannte sich selbst skateboardverrückt, und der Death Flip sei ein verdammt cooler Trick. Ein Drink, der so wild ist, braucht einen ebenso wilden Namen.
Von Melbourne aus ging der Death Flip um die Welt und tauchte unter anderem auf Karten in London auf. Heute gilt er als moderner Klassiker, und das nach anderthalb Jahrzehnten.
Wie schmeckt er?
Ich hatte Respekt vor diesem Drink, das gebe ich zu. Die Zutatenliste liest sich wie eine Wette, im Glas ist es das Gegenteil.
In der Nase steht zuerst die Muskatnuss. Danach kommt die Orange aus dem Schaum; weil ich die Zitrone dort zurückhaltend dosiert habe, ist er durch und durch orangig, und die Muskatnuss tritt in den Hintergrund.
Der Drink selbst ist samtig und komplex. Der Jägermeister ist zu schmecken, der Tequila gibt Struktur. Die erste Begegnung ist orangig, warm und lang; die Kräuter klingen nach, das Ethanol bleibt eingebunden.
Den Death Flip habe ich auch ohne Krone probiert. Der Orangenschaum gibt ihm eine hellere, fruchtigere Nase und eine dichte Krone. Die Kombination überrascht: Darunter ist er kräutrig und kräftig, aber die Orange lenkt ab, und das bekommt ihm.
Meine Wertung
In der Kombination mit dem Orangenschaum: 9,5 von 10.
- Kreative Leistung: Drei eigenwillige Spirituosen fügen sich zu einem runden Ganzen.
- Reproduktion: Level 1. Das Schütteln mit dem Ei braucht Übung, aber das schaffst du.
- Verfügbarkeit in Deutschland: Den gelben Chartreuse gibt es im Fachhandel, alles andere im Supermarkt.
Fazit
Cremig, warm, überraschend und rund: Der Death Flip zeigt, dass ein Drink kantig klingen und samtig schmecken kann. Wer ihm einen eigenen Dreh geben will, setzt ihm die Krone aus Oleo Saccharum und Jägermeister Orange auf.