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Die Spiced Rum Lüge , ordnen wir diese mal ein zwischen Recht, Herkunft und Markt

15. Dezember 2025 · Jörg Kalinke · 11 Min. Lesezeit

Spiced Rum gehört zu den größten begrifflichen Irrtümern im europäischen Spirituosenmarkt. Im Recht der Europäischen Union gibt es diese Kategorie nicht, in der Kultur vieler Rumländer gehört sie dagegen selbstverständlich zur Rumfamilie. Aus diesem Widerspruch entsteht eine Marktverzerrung, in der Produkte in Rumregalen stehen, die rechtlich keine Rums sind, und das betrifft nicht nur Spiced, sondern auch andere Spirituosen auf Zuckerrohrbasis. In diesem zweiten Teil meiner Reihe „Rum – Schein & Wirklichkeit“ ordne ich mit dir die Herkunft des Begriffs ein, die Rechtslage in der EU und die Frage, warum der deutsche Markt für diese Spiced-Lüge so anfällig ist. Am Ende steht die entscheidende Frage: Woran erkennst du, ob du echten Rum im Glas hast oder nur das geschickt verpackte Versprechen davon?

Was Rum in der EU ist

Im europäischen Rechtsrahmen ist Rum eine klar definierte Kategorie. Die Spirituosenverordnung (EU) 2019/787 verlangt die Herstellung aus Zuckerrohrerzeugnissen, also aus Zuckerrohrsaft, Zuckerrohrsirup oder Melasse, eine Destillation unter 96 % vol und eine Mindestalkoholstärke von 37,5 % vol. Für dieses Thema besonders relevant: Rum darf nicht aromatisiert werden, und mit der Verordnung 2019/787 gilt eine Obergrenze für die Süßung von 20 g pro Liter, ausgedrückt als Invertzucker.

Gewürze, Vanille, Früchte oder andere aromatisierende Zusätze sind damit mit der Kategorie Rum unvereinbar. Deshalb existiert im Unionsrecht keine Kategorie namens Spiced Rum. Was mit Gewürzen oder Aromen versehen oder über die Grenze hinaus gesüßt ist, verlässt die Kategorie Rum. Auf dem Etikett steht dann „Spirituose“ oder „Spirit Drink“, oft ergänzt um die Beschreibung „Spirituose auf Zuckerrohrbasis“. Diese Bezeichnungen halte ich für rechtlich unangreifbar. Die Formulierung „Spirituose auf Rumbasis“ ist formal unter bestimmten Bedingungen zulässig, aus meiner Sicht aber bereits wieder zweifelhaft. Dazu weiter unten.

Spiced in den Herkunftsländern

Außerhalb Europas hat Rum eine kulturelle Breite, die über die technische Definition hinausgeht. In der Karibik, den Mutterländern des Rums, haben gewürzte Rums eine sehr lange Tradition. Hausgemachte Gewürzmazerate, versetzte Rums für medizinische Zwecke oder aromatisierte Varianten für die Schiffsversorgung gehörten historisch zur Rumwelt. In Ländern wie Barbados, Jamaika oder Trinidad ist Spiced ein legitimer Teil der Rumfamilie, und diese Tradition prägt das Selbstverständnis von Produzenten und Konsumenten. In den Herkunftsländern gilt Spiced Rum also als Rum, in der Europäischen Union ist dasselbe Produkt nur als Spirituose verkehrsfähig.

Im Vereinigten Königreich ist die Markenkultur historisch stark vom Rum geprägt, und Spiced wird dort als Unterkategorie von Rum wahrgenommen. Marken, die im britischen Segment als Rum auftreten, müssen im EU-Markt eine andere rechtliche Bezeichnung verwenden und werden zur Spirituose, obwohl ihr Markenbild identisch bleibt.

Wo die Spiced-Lüge entsteht

Die Spiced-Lüge entsteht dort, wo rechtliche Einstufung und produktnahe Vermarktung auseinanderfallen. Im deutschen Einzelhandel, in Onlineshops und in Bars finden sich Produkte, die visuell und sprachlich wie ein Rum auftreten, rechtlich aber keiner sind. Vorne stehen Begriffe wie Spiced Rum oder Caribbean Rum, während die Pflichtangaben auf der Rückseite korrekt von einer Spirituose auf Rumbasis sprechen. Die Gestaltung bleibt oft bewusst nah an klassischen Rumetiketten und wird immer wieder um das Wörtchen Rum ergänzt. So entsteht der Eindruck einer Rumkategorie, die rechtlich nicht existiert, und die Grenze zwischen Rum und aromatisierter Spirituose verwischt.

Die Verordnung (EU) 2019/787 zieht hier eine klare Linie: Rum darf mit höchstens 20 g Zucker pro Liter abgerundet werden und keine zusätzliche Aromatisierung erfahren. Ist mindestens eines der beiden Kriterien nicht erfüllt, also mehr als 20 g/l Zucker oder eine Aromatisierung, darf auf der Front das Wort Rum nicht erscheinen, auch nicht als „Spiced Rum“ oder „aromatisierter Rum“.

Captain Morgan Spiced Gold, Kraken Black Spiced, Bumbu Original und die bekannten Abfüllungen von Don Papa gehören aus meiner Sicht zu den sichtbarsten Beispielen dieser Marktverzerrung, die seit Jahren besteht. Diese Produkte treten mit Rumsymbolik, Rumgeschichten und Rumerwartung auf, tragen auf der Pflichtseite aber rechtlich korrekte Bezeichnungen wie Spirit Drink, Spirituose auf Zuckerrohrbasis oder schlicht Spirituose. In Summe entsteht ein Marktbild, in dem du als Verbraucher glaubst, Rum zu kaufen, während du eine aromatisierte Spirituose erwirbst.

Onlineshops und Verantwortung

Onlineshops und Händlerkataloge führen Kategorien wie Spiced Rum oder aromatisierter Rum, obwohl diese Bezeichnungen rechtlich nur bedingt belastbar sind. In diesen Rubriken stehen dann fast ausschließlich aromatisierte Spirituosen. Den Unterschied zwischen einer rechtlichen Kategorie und einer Marketingkategorie erkennt der Durchschnittsverbraucher oft nicht. So stabilisieren Markt und Handel ein verzerrtes Bild, das Rum und Spirituosen auf Zuckerrohrbasis in einer gemeinsamen Erzählwelt präsentiert. Wenn im Onlinehandel also irgendwo die Kategorie Rum steht, ist das ein Marketingthema und keine rechtliche Einordnung.

Verstehen solltest du dabei: Der Inverkehrbringer trägt die Verantwortung für die Informationskette seines Produkts, vom Inverkehrbringen bis zu dir als Verbraucher. Steht in einer Rumkategorie etwas, das rechtlich kein Rum ist, halte ich das für abmahnwürdig. Ansprechpartner ist für mich in so einem Fall nicht der Händler, sondern der Inverkehrbringer, den man zur Rede stellen muss. Das ist allerdings ein schwieriges Thema, denn darauf muss er sich nicht zwingend einlassen, und wir bewegen uns hier in dem Graubereich, über den ich schon im letzten Beitrag gesprochen habe.

Das Rumregal im Supermarkt

Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster in Cash-and-Carry-Märkten und im klassischen Lebensmitteleinzelhandel, also im Supermarkt. Dort werden die Produkte selten korrekt einsortiert. Oben steht Rum, und aromatisierte Spirituosen mit der Pflichtbezeichnung Spirit Drink oder Spirituose auf Zuckerrohrbasis stehen regelmäßig im selben Regal direkt neben den echten Rums. Die Regalbeschriftung trägt häufig ungeprüfte Marketingbegriffe wie Spiced Rum oder Caribbean Rum, was den Eindruck einer legitimen Rumkategorie verstärkt. Diese Platzierung erzeugt bei dir eine Erwartung, die mit den gesetzlichen Kategorien nicht übereinstimmt, und verankert die Spiced-Lüge auch im Alltagseinkauf.

Ein Beispiel aus der Praxis: In den Märkten stehen Captain Morgan Spiced, Kraken Black Spiced oder Don Papa Baroko direkt im Regalabschnitt Rum, neben dem regulären Don Papa Rum, neben dem normalen Captain Morgan, häufig sogar zwischen Rums aus Barbados oder Jamaika. Durch die direkte Nähe, identische Preisetiketten und die visuelle Darstellung entsteht für dich der Eindruck, einen vollwertigen Rum zu kaufen. Für mich der Gipfel ist, dass neben dem Captain Morgan seit Neuestem auch der Captain Morgan 0,0 steht. Der hat im Rumregal nichts zu suchen, denn er ist kein Rum und auch keine Spirituose, sondern ein alkoholfreies Produkt. Das ist marketingtechnisch nur schwer darstellbar, also geht man lieber den einfachen Weg. Eine ähnliche Situation findest du, wenn Regaletiketten Rum und Spiced Rum nebeneinander nennen und damit suggerieren, beides seien legitime Rumkategorien, obwohl Spiced Rum im europäischen Recht nicht existiert.

Händler haben dabei nach meiner Erfahrung kaum Konsequenzen zu befürchten. Solange Etikett und Pflichtkennzeichnung stimmen, greifen Aufsichtsbehörden selten ein oder haben teilweise gar keine rechtliche Handhabe. Die Verantwortung für die Regalsortierung liegt bei den Märkten selbst, und die orientieren sich oft an verkaufsorientierten Kategorien statt an rechtlichen Definitionen. So bleibt die falsche Einordnung bestehen und verfestigt sich als Normalität. Hinzu kommt aus meiner Sicht, dass Inverkehrbringer sich die Platzierung neben den korrekt deklarierten Rums über Listungsgebühren erkaufen, im Einzelhandel wie in Onlineshops, wo ein Spiced dann gegen Gebühr in der Kategorie Rum landet. Nachzuweisen ist das für Aufsichtsbehörden und Verbraucherschützer allerdings schwer.

Für den Rum selbst hat die Spiced-Lüge zwei zentrale Auswirkungen. Erstens verzerrt sie die Wahrnehmung von Rum, weil aromatisierte Produkte mit intensiver Süße, künstlichen Aromen oder anderen nicht rumtypischen Aromen als stilprägend wahrgenommen werden. Zweitens verschiebt sich die Erwartung neuer Konsumenten, die häufig mit diesen Produkten einsteigen und authentische Rums dann zunächst als ungewohnt oder zu kräftig empfinden. Die Vermischung beider Welten erschwert zudem die Transparenz über Herkunft, Qualität und Herstellung.

So liest du das Etikett

Klare Orientierung gibt dir die Verkehrsbezeichnung, die du in der Regel auf dem Rücketikett findest. Echte Rums tragen dort den Begriff Rum und dürfen ihn auch auf der Front verwenden, weil sie die EU-Definition ohne aromatisierende Zusätze erfüllen. Aromatisierte Spirituosen auf Zuckerrohrbasis tragen Bezeichnungen wie Spirit Drink, Spirituose oder Spirituose auf Zuckerrohrbasis. Das ist für mich die weiße, rechtlich nicht anfechtbare Kategorie.

Im Graubereich bewegt sich aktuell die Spirituose auf Rumbasis. Auch hier weckt das Wort Rum beim Verbraucher die Erwartung, es handle sich um etwas Rumähnliches, und rückt das Produkt in die Nähe der Kategorie, was es nicht ist. Formal ist diese Formulierung unter den Bedingungen der Verordnung zulässig. Nach meiner Auffassung sollte das Wort Rum in einer solchen Bezeichnung trotzdem keinen Eingang finden, weil sonst der Verdacht einer Irreführung nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb entstehen kann. Wer die Pflichtangaben aufmerksam liest, erkennt die wahre Identität eines Produkts.

Je deutlicher diese Unterscheidung kommuniziert wird und je mehr Menschen wie du und ich auf Verbraucherschützer zugehen, desto transparenter und nachvollziehbarer wird die gesamte Kategorie. Hier muss Druck in den Kessel, damit etwas passiert. Sonst weitet sich das Problem immer weiter aus.

Eine eigene Kategorie für Süßrums?

Der europäische Markt reagiert zunehmend sensibel auf Transparenzfragen. Hersteller kennzeichnen ihre Produkte zunehmend klarer, und Konsumenten setzen sich zunehmend mit dem Unterschied zwischen Rum und Spirituosen auf Zuckerrohrbasis auseinander. Die Diskussion über eine mögliche eigene EU-Kategorie für Spiced gewinnt an Dynamik, ist aber offen und bewegt sich im Moment eher in der Grauzone.

Parallel dazu fordern Verbraucher immer häufiger eine klar abgegrenzte Kategorie für sogenannte Süßrums. Der Begriff taucht vor allem dort auf, wo Produkte trotz deutlicher Süßung und weicher Aromatik weiter als Rum wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden wollen. Historisch war die Zugabe von Zucker ein technisches Mittel, um Destillationsfehler zu überdecken oder harsche Fassprofile abzumildern. Dazu habe ich ein eigenes Video gemacht. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Süßung zunehmend als verkaufsförderndes Werkzeug genutzt, vor allem bei Marken mit gefälligen Einstiegsprofilen und hauptsächlich für die Märkte der USA und der Europäischen Union.

Nach meinem Kenntnisstand verliert Zucker ab etwa 12 g pro Liter seinen funktionalen Nutzen für die geschmackliche Abrundung. Mengen oberhalb dieser Schwelle dienen weniger der sensorischen Balance als einem bestimmten Geschmacksbild, das stärker an Likör erinnert und sich besser verkauft. Die EU hat mit der Verordnung 2019/787 trotzdem 20 g pro Liter als zulässige Abrundung festgelegt, ausgedrückt als Invertzucker. Welche süßenden Erzeugnisse dafür in Frage kommen, regelt die Verordnung. Einen PX-Sherry, andere Liköre oder Rumliköre zuzugeben, um Süße einzubringen, halte ich für unzulässig, weil das für mich bereits eine Aromatisierung ist. Die 20 g markieren die äußerste Grenze innerhalb der Kategorie Rum, auch wenn manche Hersteller diesen Spielraum marketinggetrieben vollständig ausreizen.

Der Wunsch nach einer eigenen Kategorie für Süßrums zeigt, wie groß die Spannung innerhalb der Rumwelt geworden ist und wie stark das verzerrte Marketingbild der letzten Jahre die Verbraucher beeinflusst hat. Eine zusätzliche Kategorie könnte die Transparenz erhöhen, würde aber zugleich eine harte Trennlinie zwischen traditionellen ungesüßten Rums und modernen, stark gesüßten Produkten sichtbar machen. Bis zu einer solchen Entscheidung bleibt die Diskussion offen. Sie spiegelt die Herausforderung, historische Herstellungslogik, moderne Marktmechanismen, Marketing und Verbraucherwahrnehmung in Einklang zu bringen.

QR-Code, Ausblick und Fazit

Seit Jahren wird ein QR-Code für Spirituosen diskutiert. Als Vorbild gelten die Wein- und die Bierbranche. Beim Wein müssen über die Seite hinter diesem Code eine Nährwerttabelle und alle Zutaten abrufbar sein. Für mich wäre das auch bei Spirituosen ein passender Schritt. Im Moment sagt die Industrie mit ihren beiden Lobbyverbänden, sie regle das erst einmal in Eigenverantwortung, und die Politik setzt die Eigenverantwortung vor die Regulierung. Wird sie nicht eingehalten, kommt irgendwann der Gesetzgeber. Genau in diesem Spannungsfeld sind diese Videos entstanden, und genau deshalb habe ich mich so echauffiert.

Im nächsten Teil zeige ich die Korrespondenz mit einem Inverkehrbringer, den ich wegen seiner Deklaration angeschrieben habe, und wie der Stand der Dinge ist. Er ist nicht der einzige, mit dessen Deklaration ich nicht zufrieden bin. Seit meinem Unboxing ist ein neuer Kandidat aus Norddeutschland dazugekommen: Auf dessen Flasche steht ganz klein „Rumspirituose“, was nach meiner Lesart so nicht draufstehen darf, und auf der Rückseite finde ich keine Kategorie, sondern nur den Inverkehrbringer. Dazu wird es ein eigenes Video geben.

Die Spiced-Lüge zeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auf dem europäischen Markt auseinanderliegen können: zwischen traditionellen Vorstellungen aus den Herkunftsländern, strengen EU-Definitionen und einem Handel, der oft nach Verkaufslogik statt nach Rechtslage sortiert. Das Bild, das dabei entsteht, verwirrt dich eher, als dass es dich informiert. Das Thema bleibt relevant, weil Transparenz die Grundlage jeder fairen Spirituosenkultur ist. Je genauer wir hinsehen und darüber reden, desto klarer wird, wie wichtig verständliche Kategorien und ehrliche Bezeichnungen für die Zukunft des Rums sind. Ich bleibe am Ball und kämpfe für dein Recht auf freie und transparente Information zu allen Produkten, die du genießen möchtest.

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