Eine Anfrage zu einem einzelnen Produkt hat bei mir eine ganze Reihe an Fragen ausgelöst: Was darf sich Rum nennen, wo beginnt Irreführung und warum begegnet sie mir in dieser Branche so oft? Ausgangspunkt war ein Streitfall um Wagemut PX, meine Korrespondenz mit dem Anbieter und die Frage, was auf einer Flasche stehen muss, damit das Produkt rechtmäßig Rum heißen darf, und was nicht. Dieser Beitrag ist die nullte Folge meiner Reihe Rum – Schein & Wirklichkeit. Bevor es um andere Marken geht, fange ich bewusst bei dem Fall an, der mich selbst betrifft: ein Produkt, das ich spannend fand, das ich kritisch hinterfragt habe, und eine Antwort, die mich zunächst nicht zufriedengestellt hat.
Warum eine nullte Folge
Eine Serie wird heute selten von Anfang an verfolgt. Gesehen werden einzelne Stücke, News, und darauf folgen die Reaktionen. Deshalb lege ich hier offen, wie alles angefangen hat. In diesem Fall treffen für mich drei Dinge zusammen: meine persönliche Erfahrung, der rechtliche Rahmen und die Verantwortung gegenüber dir als Verbraucherin oder Verbraucher.
Der Fall Wagemut PX
Worum ging es bei Wagemut PX? Kurz gesagt um eine Abfüllung, die mit einer bestimmten Herkunfts- und Stilvorstellung spielt, bei der aber in meinen Augen nicht sauber deklariert war oder ist, was tatsächlich in der Flasche ist und wie das Produkt rechtlich einzuordnen ist. Ich habe dazu detailliert nachgefragt und zu Anfang auf mehrere Anfragen keine Antwort erhalten. Dabei habe ich mich auf die EU-Spirituosenverordnung, auf nationale Vorgaben zur Verkehrsbezeichnung und auf das Irreführungsverbot berufen. Die Antwort, die dann kam, fiel nach meinem Eindruck freundlich formuliert, aber defensiv aus und wich den Kernfragen teilweise aus.
In dieser Korrespondenz hat sich für mich ein Muster gezeigt, das ich aus anderen Korrespondenzen kenne. Es geht nicht nur um Wagemut. Ich habe auch andere Marken angeschrieben und von manchen bis heute keine Antwort bekommen. Mein Eindruck: Man verlässt sich darauf, dass die Kundschaft Etiketten nicht genau liest oder Rechtsbegriffe nicht im Detail kennt, oder man geht einfach blauäugig in dieses System. Ein kleiner Spoiler vorweg: In der dritten Folge erlebst du gerade im Fall Wagemut einen Plot Twist.
Warum das ein Problem ist
Rum ist wie jede andere geschützte Kategorie klar rechtlich geregelt. Es gibt Definitionen, eine Grenze für die Süßung und ein Verbot der Aromatisierung. Rum darf mit höchstens 20 g Süßung pro Liter abgerundet werden und keine zusätzliche Aromatisierung enthalten. Ist eine dieser beiden Bedingungen nicht erfüllt, darf auf der Front der Flasche das Wort Rum nicht erscheinen. Wenn Marken diese Grenzen ausreizen oder überschreiten, entsteht ein Wettbewerbsnachteil für die Produzenten, die sich an die Regeln halten. Und du als Käufer bekommst ein Bild von Rum, das mit der Realität wenig zu tun hat.
Im Fall Wagemut prallten für mich zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die Marketingperspektive: Storytelling, Lifestyle, Emotion, ein möglichst verführerischer Name und ein Etikett, das nach einem besonderen Inhalt aussieht. Auf der anderen Seite der nüchterne Blick auf Rohstoffe, Herstellungsweise, Zuckerung, Aromatisierung und die exakte Verkehrsbezeichnung, die rechtlich vorgeschrieben ist. Inzwischen habe ich die schriftliche Erlaubnis, unsere Korrespondenz offenzulegen. Damit kann ich diesen Prozess transparent machen und zeigen, dass Kommunikation zwischen Menschen helfen kann. Mehr dazu in der dritten Folge. In der Reihe zeige ich, welche konkreten Fragen ich gestellt habe, welche Antworten ich bekommen habe, welche noch offen sind und woran wir gerade noch arbeiten.
Ein Symptom, kein Einzelfall
Wagemut PX war nur das Symptom und mein Einstieg in die Debatte. Je tiefer man sich in die Welt des Rums hineinarbeitet, desto klarer wird: Dieser eine Streit steht stellvertretend für Praktiken, die im deutschsprachigen und im internationalen Markt längst Alltag geworden sind, gerade beim Thema Rum. Aus meiner Sicht ist das einer der Gründe, warum Rum nicht so erfolgreich ist, wie er sein könnte.
Ins Rollen gebracht hat die Reihe eine berechtigte Anmerkung aus den Kommentaren. Sinngemäß fragte ein Zuschauer, inwieweit das branchenüblich sei und bei anderen Herstellern am laufenden Band passiere. Böse Zungen behaupteten ja, dass diverse sherryfassgereifte Whiskys und Rums in sehr feuchten Fässern gereift würden. Ein Vergleich wäre interessant gewesen, ob Wagemut hier aus der Reihe tanzt oder nicht. Genau daraus ist der Auftrag für diese Reihe entstanden.
Die Grauzone im Regal
Was ich im Markt sehe: Es gibt aromatisierte und stark gesüßte Produkte, die rechtlich kein Rum sind und als Spirituose gekennzeichnet werden müssen, aber überall als Rum angepriesen werden. Schlimmer noch sind aus meiner Sicht Produkte, die Rum nur zu einem kleinen Teil enthalten und bei denen deshalb nur eine Bezeichnung wie Spirituose auf Zuckerrohrbasis haltbar wäre. Es gibt Rums, die mit Herkunfts-, Alters- und Fassangaben suggerieren, sie seien traditionelle handwerkliche Produkte, obwohl im Hintergrund Verschnitt, Zucker und Aroma im Spiel sind. Dazu kommen Verstöße gegen regional geschützte Begriffe. Und es gibt Händler und Abfüller, die sich hinter formal richtigem Kleingedruckten verstecken, während Überschriften, die Kategorisierung im Shop und Marketingtexte genau den falschen Eindruck erzeugen.
Die Grauzone zwischen dem, was rechtlich gerade noch zulässig ist, und dem, was beim Kunden ankommt, ist riesig. Genau dort setzt die Reihe an. Es geht um schwarze Schafe, Graubereiche und systematische Irreführung und um eine Orientierungshilfe für alle, die Rum und andere Spirituosen ernst nehmen.
Was dich in der Reihe erwartet
Zuerst schauen wir auf die Grundlagen: Was ist Rum nach EU-Recht, und wie unterscheiden sich Rum, Rumverschnitt, Inländerrum und Produkte, die als Spirituose auf Rumbasis verkauft werden? Welche Kategorien gibt es, wie verlaufen die Grenzen, und was verlangen die Vorschriften zur Kennzeichnung? In einer der folgenden Folgen geht es um meine Korrespondenz mit Wagemut, speziell mit Nikolas Kröger, und darum, warum ich sie erst jetzt offenlege. Danach nehmen wir die Scheinkategorie Spiced Rum genauer unter die Lupe und reden über Zuckerfarbe und Aroma, über falsche Herkunftsangaben, über unabhängige Abfüller und über deutsche Händler, die mitspielen oder wegschauen.
Wichtig ist mir dabei eins: Es geht nicht darum, einzelne Marken abzuschießen. Es geht darum, Muster sichtbar zu machen und fair zwischen ehrlicher Transparenz und bewusster Täuschung zu unterscheiden. Wenn eine Marke sauber deklariert, dass es sich um eine Spirituose mit Rum, Zucker und Aroma handelt, ist das ehrlicher als ein vermeintlich handwerklicher Rum, der seine Tricks verschweigt.
Ausblick
Am Ende dieser Reihe sollst du Etiketten anders lesen, Marketing anders einordnen und bewusster entscheiden können, wofür du dein Geld ausgibst. Im Idealfall entsteht dadurch auch Druck auf die Branche, ehrlicher zu werden, ganz egal, um wen es geht: Großkonzerne, unabhängige Abfüller oder kleine regionale Marken. In der nächsten Folge steige ich genau dort ein, wo sich die gesamte Reihe entzündet hat: bei der Frage, was die EU-Spirituosenverordnung für Rum vorschreibt.