Mit Nikolas Kröger und seiner Firma Wagemut habe ich mich auf diesem Kanal so intensiv auseinandergesetzt, dass mich Zuschauer schon für besessen gehalten haben. Diesmal geht es nicht um Etiketten, nicht um Deklarationen und nicht um Populismus im Spirituosenmarkt. Diesmal geht es um etwas, das Nikolas gerade in seinen Livevideos macht: Er misst den Zuckergehalt im Rum. Das halte ich für richtig und wichtig. Und genau deshalb schaue ich mir an, was diese Zuckermessung wert ist und welche Frage für mich noch offen ist.
Eine komplizierte Vorgeschichte
Wer DrinkLink länger verfolgt, weiß: Mein Verhältnis zu Nikolas Kröger und Wagemut ist kompliziert. Vor etwa drei Jahren habe ich auf seine Rum-Videos reagiert und Aussagen geprüft, die in meinen Augen eine Überprüfung brauchten. Dann kam der Wagemut PX und mit ihm die Frage: Rum oder kein Rum? Ich habe das zweimal analysiert, daraus wurde eine ganze Reihe, und die mündete schließlich in „Rum, Schein und Wirklichkeit“.
Zuletzt habe ich mich mit dem Populismus im Spirituosenmarkt beschäftigt, mit einem Muster, das ich die Wir-gegen-die-Erzählung nenne: vermeintliche Ehrlichkeit als Marketingwerkzeug. Nikolas Kröger war dort aus meiner Sicht ein Beispiel dafür. Das Video heißt nach wie vor „Fazit zur Wagemut-Reihe“, sein Name und der Name seiner Firma stehen also weiterhin im Text.
Offene Korrespondenz statt Ausweichen
Der Grund für dieses Video: Wir sind in Korrespondenz gekommen, offen, direkt und ohne Ausweichen. Nikolas hat mir erklärt, woher der Basisrum für den Wagemut PX stammt, und er hat mir die Herkunft auch nachgewiesen. Dazu hat er mir angeboten, eine Probe zu schicken, um zu zeigen, dass dieser Rum mindestens 10 Jahre im Fass gereift ist.
Eine Probe anzubieten ist keine Selbstverständlichkeit. Ich habe das zur Kenntnis genommen, ich halte es für mutig, und es gehört genauso nach vorne gestellt wie meine Kritik.
Zuckermessung als laufendes Projekt
Nikolas misst auf seinem Kanal live die Zuckergehalte von Rum. Nicht als Stichprobe, nicht einmalig, sondern als laufendes Projekt. Er nutzt dafür seine eigenen Flaschen, und so wie ich ihn einschätze, wird er weitere dazukaufen. Er misst, und er dokumentiert. Genau das wird in der Rum-Community seit Jahren gefordert und selten umgesetzt.
Warum das wichtig ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Etiketten. Der Zuckergehalt im Rum ist ein großer Graubereich. Bis zu 20 g pro Liter sind erlaubt, und angeben muss das auf dem Etikett niemand. Wer misst, schafft Vergleichbarkeit, und Vergleichbarkeit ist der Kern von Transparenz. Der andere Weg ist, den Zuckergehalt von vornherein auf das Label zu schreiben, wie es aktuell erste Rumhersteller tun.
Nikolas misst öffentlich im Livestream, ohne Schnitt und mit seinem Namen dran. Das finde ich mutig, und es ist anstrengend: Jede Flasche kostet Geld, dazu kommen Zeit, Methodik und das Messgerät selbst.
Warum Brix allein nicht reicht
Jetzt bin ich kurz der Korinthenkacker, für den du mich kennst. Wer Zucker im Rum messen will, hat ein grundlegendes Problem: Alkohol verfälscht die Brix-Messung. Das hat Nikolas selbst in zwei, drei Nebensätzen angesprochen. Eine Zuckermessung über Brix-Werte und Dichte liefert nur einen ungefähren Richtwert. Das habe ich in den letzten anderthalb Jahren selbst hart lernen müssen, und es hat mich Lehrgeld gekostet.
Ein einfaches Refraktometer gibt dir einen Brix-Wert. Dieser Wert ist eine Überlagerung aus Zucker und Alkohol. Wer das nicht korrigiert, misst nicht Zucker, sondern irgendetwas. Das heißt nicht, dass Nikolas es falsch macht. Es heißt, dass die Methodik transparent sein muss. Und das ist sie bei ihm, durch das Gerät, das er verwendet, und durch seine Dokumentation.
Das Messgerät und seine Genauigkeit
Nikolas arbeitet mit einem Alex 301. Das Gerät gilt als eines der verlässlichsten Instrumente der Lebensmittelmesstechnik, wenn es um Zucker in Spirituosen geht. Günstig ist es nicht: Der Listenpreis liegt bei 6800 €. Ich könnte mir das nicht leisten. Wenn Nikolas diese Investition stemmt, dann sage ich danke dafür.
Wer sich die Webseite des Geräts anschaut, findet dort eine Angabe zur Messgenauigkeit, die ich für Zuckerwerte im Rum phänomenal finde. Die Messungen mit dieser Maschine sind reproduzierbar, jeder kann sie nachprüfen. Der einzige Hinkelstein sind die 6800 € für die Maschine.
Offene Daten oder Paywall
Bleibt die Frage, wo diese Rohdaten künftig geteilt werden. Da bin ich gespannt und zugleich zwiegespalten. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Nikolas die Daten öffentlich zugänglich macht, und dabei biete ich ihm gern meine Hilfe an. Nicht hinter einer Paywall. Selbst wenn sie nur fünf Euro im Monat kostet: Eine Paywall bleibt eine Paywall. Solche Informationen gehören in die Öffentlichkeit, für jeden Mann und jede Frau.
Für alle, die Rum kaufen, trinken und bewerten, sind diese Messdaten Gold wert. Wenn hier eine Grundlagendatenbank entsteht, die aus Deutschland kommt und international wird, hilft sie der weltweiten Rum-Community. Sie darf nur nicht hinter einer Bezahlschranke landen.
Das sage ich ohne Ironie: Eine Bezahlschranke wäre ein legitimes Geschäftsmodell. Nikolas ist Geschäftsmann, und wer Flasche um Flasche kauft und in so eine Maschine investiert, hat jedes Recht, die Kosten wieder hereinzuholen. Dann ist es aber etwas anderes als Transparenz innerhalb der Branche. Dann ist es Transparenz für zahlende Mitglieder, und dieser Unterschied wird zählen. Diese Fragen werde ich Nikolas stellen. Umgekehrt werde ich ihm Fragen beantworten, die er in seinen Livestreams aufgeworfen hat, etwa wie viel Zucker nach langer Fassreifung maximal aus dem Fass kommen kann. Dazu gibt es Dokumentationen, und da helfe ich gern und aus eigenem Antrieb.
Saulus oder Paulus: mein Zwischenfazit
Ich gönne Nikolas den Erfolg, den er gerade auf YouTube hat. Chapeau für das, was er leistet, und ich hoffe, er hält das Tempo durch, das er gerade vorlegt. Saulus oder Paulus? Meine ehrliche Antwort: noch nicht ganz entschieden, aber auf dem Weg zum Paulus. Die Richtung stimmt.
Was Nikolas Kröger gerade macht, verdient aus meiner Sicht Respekt. Nicht blindes Lob, aber Respekt. Weil er misst, wo andere nur reden. Weil er in der direkten Kommunikation mit mir nachweislich offen war, wo er hätte schweigen können, so wie andere Firmen es nach wie vor tun. Und weil er ein Thema bearbeitet, das für uns Rum-Nerds wichtig ist.
Der Weg vom mutigen Schritt zur echten Transparenz ist noch nicht zu Ende gegangen. Die entscheidende Frage lautet: Für wen sind diese Daten? Die ist noch nicht beantwortet. Ich bin kein Fan, aber seine aktuellen Videos zum Thema Rum verdienen jeden Respekt. Ich beobachte das weiter und werde berichten.